Reformationsjubiläum in Bayern
"Tischreden Martin Luthers" - Gespräche beim Essen
Miesbach 21. April 2017
Rathausstr. 10
83714 Miesbach
Auf Karte anzeigen >

Die Formen der Kommunikation waren schon im Mittelalter umstritten. Miteinander zu reden stand jedoch im Vordergrund – so wie am vergangenen Freitag bei der ersten Luther Tischrede in Miesbach.

Martin Luthers Tischreden, in denen über Gott und die Welt gesprochen wurde, sind legendär. Diese Tradition lassen die Evangelischen Kirchengemeinden Miesbach und Neuhaus zum Reformationsjubiläum wieder aufleben. Den ersten Abend richtete das Kulturamt Miesbach im Gewölbe des Waitzinger Kellers aus. Der Zuspruch war mit 75 Gästen enorm.
„Beim Essen erfährt man oft etwas, was man sonst nicht erfährt. Sie können etwas planen, Themen besprechen, Ideen haben, aber es hängt davon ab, was für eine Hierarchie am Tisch herrscht“ schickte Kulturreferentin Inge Jooß namens der Stadt Miesbach der ersten Tischrede voraus.

Betty Mehrer, Vertrauensfrau der Kirchengemeinde Miesbach und Landessynodale, freute sich in ihrer Begrüßung, „dass wir uns bei den Luther Tischreden insgesamt sechs Mal miteinander einem Thema nähern“.
Mit der 44-jährigen Schwester Nicole Grochowina von der evangelisch-lutherischen Communität Christusbruderschaft aus Selbitz hatte das Miesbacher Pfarrersehepaar Sergel eine hochkarätige Vortragende gewonnen. Die habilitierte Historikerin ist Privatdozentin an der Universität Erlangen und versprach „in die Mitte der Dinge zu schauen“. Zunächst sorgte jedoch der Titel ihrer Promotion „Warum die Ostfriesen im 17. Jahrhundert nicht in die Kirche gegangen sind“ für Heiterkeit.

Die gebürtige Hamburgerin Nicole Grochowina erzählte, dass Luthers Tischgespräche in markiger Sprache verfasst wurden und teilweise sehr pointierte Geschichten beinhalten. Mit ihren Betrachtungen lenkte die Ordensschwester den Blick auf die verschiedenen Formen von Kommunikation. Was heute Facebook und Twitter sind, waren im Reformationszeitalter die Flugblätter voll bildlicher Darstellungen, die die visuelle Kultur förderten und damit Normen, Werte und Sinngebungen zum Ausdruck brachten. „Das Internet der frühen Neuzeit war der Buchdruck“.

Weil die wenigsten Menschen damals lesefähig waren, kam der „oralen Kultur“ hohe Bedeutung zu. „Man sprach miteinander im Gasthaus, am Brunnen, beim Wäsche waschen, in der Kirche, am Kirchenvorplatz. Damals wurden auch von der Kanzel viele Informationen verkündet.“ Anhand verschiedener historischer Blätter lenkte die Universitätsdozentin den Blick auf die Bildaussagen. Als Sinnbild für die Ermächtigung der Laien galt im 16. Jahrhundert der Karst Hans als gemeiner Mann mit Ackergerät, während die Kleriker vielfach als frevelhaft dargestellt wurden.

Zur gelösten Stimmung des Abends trugen die Musiker des Ensembles „I Sonatori di Tollenze“ bei. Stephanie Waldherr, Ingo Veit und Georg Schmidt boten mit Gesang, Laute, Salterio und Percussion virtuose Klangvielfalt aus dem Mittelalter.

Wie es sich für eine echte Luther Tischrede gehört, wurden im stimmungsvoll dekorierten Gewölbe auch Speis und Trank gereicht; eine feine Gemüsesuppe – allerdings ohne Kartoffeln, die gab es damals noch nicht -, dunkles Brot, Karaffen mit Leitungswasser und Apfelsaft und als Nachspeise Äpfel und Nüsse. Die Organisatorinnen der Luther Tischreden, Christine Mühlhuber, Barbara Klinger, Anke Constantin-Süß und Petra Schneider erwiesen sich dabei als dienstbare Geister und versorgten mit großer Aufmerksamkeit die Gäste.

Zum Abschluss bat Pfarrerin Anika Sergel-Kohls alle Gäste um ihren Eintrag ins Gästebuch des Lutherjahres und Schwester Nicole signierte ihr 2017 erschienenes Buch „Franziskus und Luther: Freunde über die Zeiten“, das viele Interessenten fand.

von www.kulturvision-aktuell.de

Foto: Isabella Krobisch

Kommende Veranstaltungen
Alle Veranstaltungen