Reformationsjubiläum in Bayern
Pfr. Christian Düfel
Was war denn da genau?
Der Koordinator für die Reformationsdekade, Christian Düfel, spricht mit Passanten über das Lutherjahr

Luther war allgegenwärtig: Im Fernsehen, im Netz, in Kirchen, auf der Straße. Ein Jahr ging es um Luthers Thesen und die Reformation. Der bayerische Koordinator für die Reformationsdekade ist auf die Straße gegangen und hat gefragt: Was blieb hängen?

„Ich muss ganz ehrlich sagen, wir freuen uns einfach nur, dass es zwei Feiertage nebeneinander sind“, sagt die junge Frau mit dem Kinderwagen vor der Nürnberger Lorenzkirche. Vor dem Eingangstor der Kirche lässt sich auch Annemarie (54) in ihrer Mittagspause die Herbstsonne ins Gesicht scheinen. Sie habe gerade erst erfahren, dass der 31. Oktober in diesem Jahr ein Feiertag ist. „Schade, da fehlt uns im Handel der Umsatz“, klagt sie. Pfarrer Christian Düfel hat nicht gekniffen. All solche Aussagen wollte er hören. Bewaffnet mit einer Tasche voll Schachteln mit Playmobil-Luthern und einem Mikrofon macht der Beauftragte für das Reformationsjubiläum in Bayern ohne Scheu mit bei einem Experiment in der Nürnberger Fußgängerzone.

Die Protestanten sind mit ihrem großen Jubiläum auf der Zielgeraden. Am 31. Oktober, dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther, geht das Reformationsgedenken nach zehn Themenjahren mit Gottesdiensten und Festveranstaltungen zu Ende. Das Programmheft war so dick wie früher der Quelle-Katalog, frotzelten manche. Düfel und der Evangelische Pressedienst (epd) wollten nun wissen, was
zufällig auf der Straße angesprochene Menschen nach dieser langen Zeit über Reformation und den Reformator wissen. Der Pfarrer, der seit sieben Jahren für die bayerische Landeskirche der Reformationsjubiläums-Koordinator ist, fragte die Leute persönlich. Die Bilanz ist eher durchwachsen.

Gemeinsamkeiten?

Rentnerin Helga erzählt, sie sei mit ihren Freundinnen in Thüringen gewesen, um die Lutherstätten zu besuchen. „Schön, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben“, bemerkt Pfarrer Düfel, doch die überzeugte Protestantin lässt ihn schon nicht mehr zu Wort kommen. Mit dem Lutherjahr habe sie ihren katholischen Freundinnen mal zeigen können, dass das Lutherische auch was sei. „Das hat mir gut getan“, seufzt sie tief. Da haben sich die Hauptamtlichen in den Kirchen so viele Monate bemüht, das Jahr 2017 als ein ökumenisch ausgerichtetes Fest zu sehen, die Gemeinsamkeiten zu betonen, weniger das, was trennt. „Wenn man die Leute hört, da ist noch sehr viel von Schwarz-Weiß-Denken katholisch-evangelisch da“, stellt Düfel nach seinen Interviews auf der Straße fest. „Ein interessanter Aspekt“, fügt er nachdenklich an.

Ich fand’s aber gut…

Der Beauftragte für das Lutherjubiläum hat auch die Dame aus Ulm getroffen, die zwar bei keiner der Veranstaltungen zum Lutherjahr dabei war, aber den Film über Katharina von Bora im Fernsehen gesehen hat. „Ich fand’s aber gut, dass die Reformation stattgefunden hat“, bemerkt sie und rennt ihrem Begleiter hinterher, der schon weitergegangen ist, „der hat nämlich mit Kirche nix am Hut“.

„Da gab es doch dieses Playmobil-Männchen, das hat sich verkauft wie nix Gutes“, ist bei einem anderen Passanten hängengeblieben. Die Bedeutung des Feiertags Reformation kann Düfel im Vorübergehen noch einer Touristin aus München und ihrer 20-jährigen Tochter erklären. „Das fällt mir grad nicht ein“, hat die Mutter eingeräumt. Düfel liefert die Kurzfassung: „Vor 500 Jahren hat Luther ja seine 95 Thesen gegen den Ablass in Wittenberg angeschlagen. Und danach hat es sehr viele Veränderungen gegeben in den Kirchen, aber auch im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich.“ Mit Themen wie Gerechtigkeit und Gewissensfreiheit könne man Linien ziehen von vor 500 Jahren bis ins Heute. „Stimmt“, nicken Mutter und Tochter.

Klaus Kohler, ein Mittfünfziger im Anzug, hat solchen Nachhilfeunterricht nicht nötig. Er will aber noch anmerken, „dass sich auch der Islam mal reformieren müsste, der hat das dringend nötig“. Herr Kohler ist nicht der Einzige, der eine solche Bemerkung zum Islam macht.

Luther hat was bewirkt

Während alle angesprochenen jungen Leuten beim Thema Reformation die Achsel zucken, lassen sich die Älteren auf erstaunlich lange Gespräche mit Düfel über Religion ein. Der Reformationsbeauftragte muss also nicht gefrustet sein. Und mit dem Verschenken der Playmobil-Luther löst er ohnehin immer Entzücken aus – bei Jungen und Alten.

„Es gibt Leute, die haben vom Reformationsjubiläum etwas mitbekommen“, stellt Düfel fest. Die geballte Medienpräsenz Luthers habe Menschen vor allem animiert, Fahrten zu machen. Sie waren in Wittenberg, auf der Wartburg oder haben in Coburg die Landesausstellung zum Lutherjahr angesehen. „Es gibt sehr viele, die haben das Reformationsjubiläum gar nicht wahrgenommen“, fasst Düfel zusammen. Das habe ihn aber auch nicht so sehr überrascht. Wenn man ein bisschen nachbohre, sagten die meisten, sie wüssten schon, „dass da was war vor 500 Jahren, wissen aber nicht genau was da war“. Und auch das kann der Reformationsdekaden-Pfarrer positiv sehen: „Es ist hängengeblieben, Luther hat etwas bewirkt.“

Von Jutta Olschewski (epd)