Reformationsjubiläum in Bayern
Vorlesestunde bei offenem Fenster
25. Juni 1530: Die Verlesung der Confessio Augustana

Seit dem Wittenberger Thesenanschlag liegen unübersichtlich viele Ideen auf dem Tisch, welche theologischen oder kirchlich-organisatorischen Veränderungen die Kirche benötigt. Unter heilsamem Druck von Kaiser Karl V. fassen die Protestanten beim Augsburger Reichstag anno 1530 erstmals ihre Positionen in einem Papier zusammen. Verlesen wird die „Confessio Augustana“ am 25. Juni 1530.

In Augsburg hat Luthers Kollege und Freund Philipp Melanchthon (1497-1560) die theologische Schlüsselrolle. Weil Luther nämlich seit dem Wormser Reichstag von 1521 mit der Reichsacht belegt und überhaupt die politische Lage im Reich fragil ist, begleitet er die kurfürstliche Delegation nur bis Coburg, der südlichsten Besitzung des sächsischen Herrscherhauses, und bleibt während der Reichstagsverhandlungen auf der Veste. Von dort nahm er regen Anteil am Geschehen – soweit das bei der damaligen Dauer der Postzustellung eben möglich war. Die Coburger erfreuen sich dank dieser Widrigkeit in Luthers Leben der Zuordnung als Lutherstadt.

In Augsburg fordert Kaiser Karl V. die Protestanten auf, ihre Position in einer Schrift zusammenzufassen, worauf diese aber gar nicht vorbereitet sind. In großer Eile muss nun eine Bekenntnisschrift gezimmert werden, und das ohne den in Coburg hängengebliebenen Luther! Der protestantische Missmut wird noch verstärkt durch das konfessionelle Klima in der Stadt: Der Kaiser hat nämlich für die Dauer des Reichstages eine lokale Rekatholisierung durchgesetzt, inklusive Verbot aller evangelischen Predigten und üppiger Fronleichnamsprozession.

Nun schlägt die weltgeschichtliche Stunde Melanchthons. Das Lehrgebäude aus 28 Artikeln, das unter dem Dach der sächsischen Reichstagsdelegation entsteht, gehört bis heute zu den theologischen Grundlagen des Luthertums. Es ist durchaus als Kompromiss angelegt – so sehr, dass die Protestanten zwischendurch argwöhnen, Melanchthon sei von den Gesandten des Papstes bestochen worden. Basis seines Textes sind die „Schwabacher Artikel“ vom Sommer 1529 und die „Marburger Artikel“, das Resultat der Unterredung zwischen Luther und Zwingli vom Oktober 1529.

Melanchthon betont die Gemeinsamkeiten, benennt aber eben auch unmissverständlich Streitpunkte wie die Frage der Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt, der Priesterehe oder des päpstlichen Primats. Unverhandelbar und zentraler Punkt aber ist die Bedeutung des Wortes, die freie Predigt. „Sie war der neue Glaube. Das war die einzige und hinter allen inneren Gegensätzen stehende Macht der Protestanten,“ unterstreicht der Luther-Biograph Richard Friedenthal.

Die „Confessio Augustana“ geht nicht von der Gründung einer neuen Kirche aus. Melanchthon war überzeugt, „…dass die eine Kirche auch, trotz Missbräuchen und falscher Lehre, unter dem Papsttum war“, betont der dänische Theologe Leif Grane in seiner Monographie über die Bekenntnisschrift: „Er war weit davon entfernt, die eine heilige Kirche mit der ´lutherischen´ zu identifizieren.“

Am 25. Juni soll das Dokument in einer Sondersitzung vorgelegt werden. Der päpstlich Legat und auch Karls Bruder Ferdinand drängen auf eine bloße Entgegennahme, die Protestanten beharren auf einer Verlesung, um der Übergabe der Schrift einen öffentlichen Charakter zugeben.

Der ursprünglich avisierte Rathaussaal ist zu klein, daher wird das Geschehen in den Kapitelsaal der bischöflichen Residenz im Fronhof verlegt. Der Kaiser verschläft, die Einberufung der Sitzung verzögert sich. Wegen der drückenden Hitze sind die Fenster des Saales weit geöffnet, und weil der kursächsische Kanzler Christian Beyer, der die „Confessio Augustana“ vorliest,  ein durchdringendes Stimmorgan besitzt, kann auch das Volk, das sich vor dem Haus versammelt hat, mithören. Beyer spricht deutsch, und zwar gut zwei Stunden lang, von 15 bis 17 Uhr. Unterschrieben haben neun Reichsstände, darunter der sächsische Kurfürst, der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, der Landgraf von Hessen und die Reichsstädte Nürnberg und Reutlingen. Im Anschluss an die Verlesung wird dem Kaiser das Dokument in einer lateinischen und einer deutschen Fassung übergeben.

Die vier oberdeutschen Städte Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau legen ebenfalls eine Bekenntnisschrift vor, die „Confessio Tetrapolitana“. Sie wird aber nicht verlesen und entwickelt überhaupt keine vergleichbare Bedeutung wie die „Confessio Augustana“.

Unter Federführung von Luthers altem Gegner Johannes Eck legt die katholische Seite eine Gegenschrift vor, die „Confutatio Augustana“, die Melanchthon wiederum mit der „Apologia Confessionis Augustanae“ beantwortet. Nun gibt es kein Zurück mehr: Die Kirchenspaltung im Heiligen Römischen Reich ist besiegelt. Die Folgen, auch für die Reichsstadt Augsburg, sind noch gar nicht absehbar.

Thomas Greif