Reformationsjubiläum in Bayern
Von Fischhändlern und dem neuen Glauben
Warum Nürnberg schon früh zu einer evangelischen Stadt wurde

1525 schloss sich Nürnberg als erste deutsche Stadt dem reformierten Glauben an. Gründe für den frühen Umbruch war nicht nur die Weltoffenheit vieler Bürger.

Er war Schuhmacher, Meistersinger und einer der bedeutendsten Dichter des 16. Jahrhunderts: Hans Sachs. Nachdem seine Werke lange in Vergessenheit geraten waren und erst wieder vom Dichter Johann Wolfgang von Goethe und dem Komponisten Richard Wagner aufgegriffen wurden, ist Sachs heute neben dem Maler Albrecht Dürer eine der bekanntesten Persönlichkeiten Nürnbergs. Was viele nicht wissen: Er war auch einer der Köpfe der Reformation. „Hans Sachs hat die Gedanken der Reformation in Liedform verarbeitet und mit seiner volkstümlichen Sprache verbreitet“, erklärt der Nürnberger Kirchenhistoriker Bernhard Schneider.

Nürnberg um 1517: Die Stadt ist internationales Fernhandelszentrum und Medienstandort, mehr als 20 Druckereien gibt es hier Anfang des 16. Jahrhunderts. Viele Nürnberger sind gebildet, können lesen und schreiben. Rund um Johannes Staupitz, Generalvikar des Augustinerklosters, entwickelt sich in dieser Zeit die Keimzelle der Reformation in Nürnberg. Auch bei Patriziern und Humanisten finden die neuen Gedanken Anklang, sie teilen die Kritik an den Zuständen in der katholischen Kirche, hinterfragen den Sündenerlass gegen Geld.

1518 ist es ein Nürnberger Ratsherr und Patrizier, Kaspar Nützel, der Luthers 95 Thesen vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, drucken lässt und verbreitet. 1521 wird Andreas Osiander Prediger in St. Lorenz. „Seine Predigten fanden so großen Zulauf, dass der Nürnberger Rat darüber nachdachte, zusätzliche Emporen für die Zuhörer zu bauen“, erzählt Bernhard Schneider. Das Porträt Osianders hängt derzeit auf der Kanzel in St. Lorenz und ist eine Station der Führung, die Bernhard Schneider und Pfarrerin Susanne Bammessel zum 500. Reformationsjubiläum konzipiert haben. Das Gemälde zeigt Osiander im Talar, die linke Hand erhoben, den Zeigefinger mahnend.

Der Sohn eines Schmiedes aus Gunzenhausen galt als kritischer Kopf, kompromisslos, durchsetzungsstark, aber auch als Außenseiter. „Seine Kritik an Papst und Bischöfen wollten die Leute hören, aber als er ihnen selbst die Leviten las, war er nicht mehr so beliebt“, sagt Kirchenhistoriker Schneider. Sein Interesse für jüdische Philosophie und Religion – Osiander hatte unter anderem Hebräisch und Aramäisch studiert – brachte ihm Kritik ein. Er äußerte sich gegen Folter und Aberglaube und war damit seiner Zeit weit voraus. Bei
den Nürnberger Religionsgesprächen 1525 war Andreas Osiander Wortführer der evangelischen Partei.

Der Rat entschied und machte Nürnberg zu einer evangelischen Stadt. Die Gottesdienstordnung, die Osiander und seine Mitstreiter einführten, galt fast 300 Jahre. Zwei der vier täglichen Gottesdienste wurden fortan auf Deutsch gehalten, Seelen- und Totenmessen abgeschafft, ebenso wie die Lesung von Heiligen-Legenden. In das ehemalige Egidienkloster, das wie viele andere im Zuge der Reformation aufgelöst worden war, zog 1526 das erste humanistische Gymnasium Deutschlands. Es wurde nach Luthers Weggefährten Philipp Melanchthon benannt und ist bis heute Teil der Nürnberger Schullandschaft. Entschieden gegen die Reformation kämpfte Caritas Prickheimer, damals Äbtissin des Klaraklosters. Freiwillig wurde der Konvent an den Rat der Stadt nie übergeben, doch als
1596 die letzte Klarissin starb, war auch dieses Kapitel zu Ende.

Auch weltliche Berufsgruppen waren von der Reformation in Nürnberg betroffen, erklärt Historiker Hartmut Heisig vom Verein „Geschichte für alle.“ Zum Beispiel die Kunsthandwerker: „Werke der Heiligenverehrung wie der Englische Gruß oder das Sebaldusgrab waren kurz vor der Reformation entstanden, als letztes Aufbäumen mittelalterlicher Frömmigkeit, und hatten vom einen auf den andern Tag keinen Wert mehr“, sagt Heisig.

Aber auch Fischhändler hatten mit Umsatzeinbußen zu kämpfen, denn auf einmal gab es weniger Fastentage als vorher. Dass die Reformation in Nürnberg so früh geschah, hat sicher mehrere Gründe, sagt Hartmut Heisig. Die Weltoffenheit und Bildung der Bürger, Multiplikatoren wie Andreas Osiander und Hans Sachs aber auch die Verfügbarkeit von Druckerzeugnissen waren die einen Faktoren. Heisig: „Aber es war auch eine politische Entscheidung. Denn Nürnberg war im Mittelalter immer unter starkem Einfluss des katholischen Bischofs in Bamberg gestanden. Die Entscheidung für die Reformation war in diesem Sinne auch ein Stück zusätzliche Souveränität als freie Reichsstadt.“

Von Lisa Kräher (epd)

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