Reformationsjubiläum in Bayern
"Vom Dunkel ins Licht"
Frauen der Reformation im süddeutschen Raum

Die Fachstelle für Frauenarbeit im FrauenWerk Stein e.V. in der Evang.-Luth. Kirche  in Bayern konzipierte von 2015-2016 eine eigene Wanderausstellung sowie einen umfangreichen Publikationsband zum Thema „Vom Dunkel ins Licht – Frauen der Reformation im süddeutschen Raum“. Die Ausstellung, die insgesamt 15 Roll-Ups umfasst, wurde am 2. Dezember 2016 erstmals der Öffentlichkeit im Festsaal des Tagungs- und Gästehauses in Stein präsentiert. Mit der Umsetzung des Projekts sollte die noch wenig erforschte weibliche Seite der Reformation mit Fokus auf den süddeutschen Raum in den Mittelpunkt gerückt und dadurch ein wichtiger Beitrag zur Reformationsdekade geleistet werden.

Lange Zeit wurde das Thema Frauen und Reformation in Wissenschaft und Kirche gleichermaßen vernachlässigt, so dass der Eindruck entstand, Frauen hätten keinen Einfluss auf die Reformation genommen. Während der amerikanische Theologie Roland H. Bainton Anfang der 1970er Jahre für die Aussage, dass ein Boykott der reformatorischen Bewegung durch die Frauen das Ende dieser Bewegung bedeutet hätte, noch belächelt wurde, ist heute klar, dass er Recht hatte, da der mit der Reformation beginnende Aufbruch Frauen neue Handlungsräume und vielfältige Möglichkeiten der Mitwirkung bot. Der Titel „Vom Dunkel ins Licht“ beschreibt den Anspruch, der sich mit der Ausstellung verbindet, nämlich möglichst viele Frauen und ihr Wirken sichtbar zu machen. Aus diesem Grund sind sowohl die Ausstellung als auch der Publikationsband nicht biographisch, sondern thematisch und gleichzeitig chronologisch angelegt.

Nach zwei einführenden Roll-Ups, die sich mit den Veränderungsprozessen, die für Frauen mit der Reformation einhergingen, sowie den wichtigsten Orten der Reformation im süddeutschen Raum beschäftigen, folgen mit den Roll-Ups 3 bis 13 die Schwerpunkte der Ausstellung. Die Ausstellung wird abgerundet mit zwei Roll-Ups die einen Ausblick in die weiteren Entwicklungen bis zur Gegenwart geben. Die Roll-Ups zeigen nur eine kleine Auswahl. Alle ausführlichen Informationen sowie zahlreiches Bildmaterial enthält der Publikationsband, der insgesamt über 260 Seiten umfasst und neben zahlreichem Bildmaterial auch ein Frauenregister mit über 200 Frauennamen enthält.

In den Anfangsjahren der Reformation äußerte sich der Protest gegen die Missstände in der Kirche auf vielfältige Weise. Auch bei vielen Frauen hatte sich eine große Unzufriedenheit gegenüber der alten Kirche angestaut, die sich auf unterschiedliche Art entlud. Roll-Up 3 zeigt anhand unterschiedlicher Beispiele, wie Frauen handelten: sei es, dass sie Priester mit ihren Alltagsgegenständen aus den Städten vertrieben oder Messen und Gottesdienste durch Gesang oder andere Handlungen störten. Nur wenige Frauen sind bezüglich solcher Störungen namentlich überliefert, da sie meistens als Gruppen auftraten und es sich um Delikte handelte, die in der Regel strafrechtlich nicht verfolgt wurden. Dennoch sind einige Frauen protokollarisch vermerkt, wie z.B. Ottilie von Gersen, Ehefrau des Reformators Thomas Müntzer.

Das Engagement von Frauen beschränkte sich aber auch nicht nur darauf, dem Unmut Ausdruck zu verleihen oder lautstark Kritik zu äußeren. Wenig zur Kenntnis genommen wird, wie viele Frauen zur Umsetzung der Reformation beitrugen, indem sie die reformatorischen Ideen in gelebten evangelischen Glauben praktisch umsetzten. Die Tafeln 4, 5 und 6 zeigen, wie Frauen ihre reformatorische Gesinnung durch ihr Handeln zum Bekenntnisakt machten. Dazu zählte z.B. die öffentliche und demonstrative Teilnahme am Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Aber auch Eheschließungen konnten zum Bekenntnisakt werden. So heirateten etwa viele Nonnen, die im Zuge der Ausbreitung der Reformation aus den Klöstern ausgetreten waren, nicht nur ausschließlich, um sich finanziell abzusichern, sondern häufig auch darum, um die neue evangelische Gewissheit zu demonstrieren. Besonders durch die Heirat mit einem Priester wurde in der Handlung offen die antikatholische Überzeugung bezeugt. Noch weiter ging die Bedeutung einer Eheschließung, wenn eine Nonne einen Bürgerlichen heiratete, denn abgesehen von Gerüchten, die eine solche Verbindung entfachte, brachte eine jede solche Eheverbindung das Problem vor das bürgerliche Gericht, d.h. mit jedem Fall wurde das Kirchenrecht Schritt für Schritt vom öffentlichen Recht abgelöst. Aus den Nonnen wurden Mitglieder der Bürgerschaft. Die Schranke zwischen Geistlichen und Laien fiel und die Frauen, die diesen Schritt gingen, trugen auf diese Weise wesentlich zur Umsetzung der Reformation und Neubestimmung des gesellschaftlichen Verhältnisse bei. Darüber hinaus gab es auch zahlreiche gebildete Frauen, die die Reformation beeinflussten und aus dem süddeutschen Raum stammten oder dort wirkten, wie z.B. Olympia Morata, Argula von Grumbach, Margarethe Peutinger oder Anna Rhegius.

Eine Besonderheit der Ausstellung bilden die Tafeln 9 und 10, die sich mit den Frauen der Täuferbewegung beschäftigen und sich einem eher dunklen Kapitel der eigenen Geschichte zuwenden. Gegen die Täuferbewegung und alle damit in Zusammenhang stehenden Ausprägungen – selbst die friedlichsten und duldsamsten – wurde von alle Etablierten einschließlich der Lutherischen mit äußerster Brutalität vorgegangen. Die traurige Bilanz: etwa 1000 namentlich erfasste Täuferinnen und Täufer mussten im 16. und 17. Jahrhundert ihr Leben lassen. Die Forschung geht davon aus, dass die dokumentierte Opferzahl sogar mindestens verdoppelt werden muss. Aber auch damit ist das ganze Ausmaß der Verfolgungen nicht beschrieben. Täuferinnen und Täufer wurden ihres Besitzes beraubt, außer Landes verwiesen und in die Sklaverei verkauft. In der Publikation sind allein im Kapitel 9 über 40 Frauennamen aufgeführt. Von harten Strafen blieb auch die weibliche Anhängerschaft nicht verschont. Viele von ihnen haben Spuren in Straf- und Verhörprotokollen hinterlassen. Weitere Zeugnisse von Täuferinnen sind in Form von Lieddichtungen erhalten. Beispiele davon sind auf den Roll-Ups aufgeführt. Nach der Niederlage des Bauernkrieges 1525 und dem Zerfall der Täuferbewegung in viele kleine, voneinander separierte Sekten, bildeten sich zunehmend auch radikalere Tendenzen heraus. Frauen traten als Prophetinnen auf und dem Körperlichen, d.h. v.a. der Nacktheit, wurde dabei eine besondere Bedeutung beigemessen. Eine ganz besondere Gruppe formierte sich als sog. Träumersekte im fränkischen  Uttenreuth. Diese Gruppe extremer Spiritualistinnen und Spiritualisten, die komplett auf die Schrift verzichtete, flüchtete sich in den Bereich der Privatoffenbarungen.

Roll-Up 11 zeigt wie aus das ursprüngliche Engagement der Frauen für die Reformation, das sich in den Anfangsjahren zeigte, im Laufe der Jahre zurückging. Die Frauen, die publizistisch tätig gewesen waren, wie Argula von Grumbach, schrieben kaum mehr. Ernüchterung trat ein. Die neue Rolle der Frau war die als Ehefrau. Ihr Platz war im Haus – oder wie Luther es in seiner Ständelehre formulierte und auch theologisch begründete – im Stand der oeconomia. Tafel 12 zeigt, wie Frauen trotzdem auch weitere Wege fanden, um sich auch weiterhin an der Erneuerung der Kirche zu beteiligen. Eine Möglichkeit waren Stiftungen. Das Thema Frauen als Stifterinnen wurde bisher in der Forschung noch kaum beachtet. Zwar konnten wohlhabende Frauen schon vor der Reformation ihr Vermögen in Kircheninventar oder karitative Zwecke investieren, doch mit der Reformation verband sich das Stiften auch gezielt mit Bildungsmaßnahmen, d.h. wohlhabende Frauen investierten gezielt in die Ausbildung von Studenten der evangelischen Theologie und konnten darüber z.B. auch deren späteren Einsatz festlegen. Als prominentes Beispiel kann Agnes Dürer angeführt werden, Ehefrau des bekannten Nürnberger Malers Albrecht Dürer. Die letzten Tafeln geben einen Überblick über die weiteren Entwicklungen bis zur Gegenwart.

Die Ausstellung kann kostengünstig über die Fachstelle für Frauenarbeit ausgeliehen werden. Da nicht nur die Nachfrage nach der Ausstellung, sondern auch zahlreiche Buchungen bereits vor der Fertigstellung ein unerwartetes Ausmaß annahmen, wurde bei der Druckfertigstellung noch ein zweites, identisches Exemplar in Auftrag gegeben. Beide Ausstellungsexemplare sind für das Jahr 2017 ausgebucht und wandern durch ganz Bayern. Insgesamt sind es 32 ausleihende Einrichtungen und Institutionen, überwiegend aus dem kirchlichen Bereich. Das Projekt ist auf mehrere Jahre angelegt. Die Ausstellung hat auch bereits für das Jahr 2018 Vorbuchungen. So wird sie im nächsten Jahr auch die bayerischen Landesgrenzen überschreiten und u.a. in der Melanchthon-Akademie in Bretten zu sehen sein.

Die Ausstellungsleihnehmenden organisieren jeweils vor Ort eine eigenständiges Programm, das z.T. mit Lesungen, Führungen und eigenen Patinnen ausgestaltet wird und ein ganz eigenes Publikum anzieht (s. Pressespiegel im Anhang sowie weitere Infos auch der Homepage der Fachstelle unter www.fachstelle-frauenarbeit.de). Die Ausstellungen werden z.T. durch die Referentinnen der Fachstelle begleitet (z.B. durch Vorträge, Eröffnungen), z.T. durch Ehrenamtliche, die u.a. Gruppen durch die Ausstellung führen. Auf der Homepage der Fachstelle für Frauenarbeit wurden weitere Begleitmaterialien als Anregungen für die Arbeit vor Ort zum kostenlosen Download bereitgestellt. Das Angebot wird fortlaufend aktualisiert bzw. erweitert. Da die Frauenarbeiten aus zwei anderen Landeskirchen (Nordkirche und Evangelische Kirche Mitteldeutschlands) ebenfalls parallel ähnliche Ausstellungen mit eigenen regionalen Schwerpunkten erstellt haben, ist auf lange Sicht auch eine Zusammenführung der Ausstellung auf Bundesebene angedacht.

Eine Übersicht über die Ausleihorte finden Sie hier

Eine Anleitung für eine Andacht finden Sie hier

Eine Anleitung für Katharina von Boras Rezepte finden Sie hier

Eine Anleitung zur Weiterarbeit finden Sie hier

Weitere Information finden Sie auf der Website www.fachstelle-frauenarbeit.de

 

Stein, 28.02.2017

Dr. Andrea König

Leiterin der Fachstelle für Frauenarbeit im FrauenWerk Stein e.V. in der ELKB