Reformationsjubiläum in Bayern
Urknall der Neuzeit
31. Oktober 1517: Martin Luther schlägt in Wittenberg die 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche

Martin Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 gilt als Startschuss der Reformation und eine Art Urknall der Neuzeit. Wie die Sache ganz genau lief, weiß man nicht. Nach jahrzehntelangen Forschungen lässt sich immerhin sagen, dass das Ereignis jedenfalls stattgefunden hat – vermutlich.

Die Szenerie scheint dem Handbuch einer PR-Agentur entnommen. Der Schriftsteller Herbert Rosendorfer hat es in seiner „Deutschen Geschichte“  wunderbar gezeichnet: „Er stieg mit einen Hammer in der Hand und einigen Nägeln in den tiefen Taschen seiner wegen des spätherbstlichen Windes flatternden Kutte die wenigen Stufen zum Tor der Schlosskirche zu Wittenberg hinan,  entrollte eine längere Papierbahn und nagelte diese mit wenigen, kräftigen, in der Kirche lange nachhallenden Schlägen an das Holz des Schloßkirchentors.“ Neugierige Zeitgenossen umringen Luther wie auf dem berühmten Ölgemälde von Ferdinand Pauwels: Sie verfolgen das Geschehen mit so ernsten Blicken, als wären sie sich der welthistorischen Bedeutung dieses Augenblicks bewusst.

Luthers Hammerschläge sind die Hiebe, die das morsche Gebälk der spätmittelalterlichen Welt zum Einsturz bringen – welch ein Bild! Wie es aber wirklich war an jenem Herbstmittwoch weiß niemand ganz genau.

Die Geschichte vom Thesenanschlag basiert zunächst auf einer lateinischen Notiz Melanchthons, die übersetzt so klingt: „Luther, vor frommem Eifer brennend, gab die Thesen über den Ablass heraus, die im ersten Band seiner Werke vorliegen. Und diese hat er öffentlich an der Kirche, die an das Wittenberger Schloss grenzt, am Tag vor dem Allerheiligenfest 1517 angeschlagen.“ Der Haken an dem Bericht: Melanchthon kam erst 1518 nach Wittenberg und konnte das Ereignis daher keinesfalls aus eigener Anschauung beschreiben. Zu Papier brachte er es erst nach Luthers Tod. Und Luther selbst hatte sehr bald selbst kundgegeben, dass er die Thesen vor der Veröffentlichung erst den zuständigen Bischöfen vorgelegt habe – wie sollte das mit dem Thesenanschlag zusammenpassen?

Auf all diese Unstimmigkeiten verwies in den 1960er Jahren der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserlohn und trat damit eine Debatte los, die bis heute anhält. Was die Frage der Bischofsbriefe angeht, so war bald ein überzeugendes Argument gefunden. Denn einen Aufruf zur akademischen Disputation innerhalb der Universität Wittenberg – und nichts anderes konnte der Thesenanschlag gewesen sein – war nach Luthers Verständnis sicher kein Gang an die Öffentlichkeit. Dennoch, so resümiert der Leipziger Reformationshistoriker Armin Kohnle den Streit: „Auch auf evangelischer Seite war und ist die Skepsis hinsichtlich der Faktizität des Thesenanschlages groß.“

2006 allerdings tauchte in der Jenaer Universitätsbibliothek eine Wittenberger Bibel mit einer handschriftlichen Notiz über den Thesenanschlag auf. Man konnte sie Luthers Vertrauten Georg Rörer (1492-1557) zuordnen und auf die Zeit zwischen 1541 und 1544 datieren. Rörer schreibt, hier wieder in Übersetzung des lateinischen Originals: „Am Vorabend des Allerheiligenfestes im Jahre des Herrn 1517 sind von Doktor Martin Luther Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen worden.“

Eine zweite Quelle, noch dazu älter als die Erwähnung Melanchthons! Das erhöhte die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass es tatsächlich eine Art Thesenanschlag gegeben hatte. Denn warum sollten sich zwei glaubwürdige Gewährsleute aus Luthers Umfeld unabhängig voneinander eine solche Geschichte überlegen? Allerdings war das Ereignis weit weniger spektakulär, als es seine Überhöhung in protestantischen Kreisen, vornehmlich des 19. Jahrhunderts, glauben machen will. Die Statuten der Universität Wittenberg sahen ausdrücklich vor, dass Einladungen zu Disputationen durch Anschlag an den örtlichen Kirchentüren bekannt zu machen waren. Das war aber nicht Aufgabe des diskussionwilligen Professors, sondern des Hochschul-Hausmeisters. „Wenn etwas verkehrt ist am tradierten Bild vom Thesenanschlag, dann die Vorstellung von etwas Außergewöhnlichem, Aufsehenerregenden und Provokativen“, schreibt Kohnle.

Das Außergewöhnliche kam erst danach.

Thomas Greif