Reformationsjubiläum in Bayern
Protest statt Konsens
19. 4. 1529: Die Protestation von Speyer

Parlaments- oder Kabinettsberatungen sind meist unspektakuläre Angelegenheiten. Nur selten entwickeln sie eine dramatische Zuspitzung fürs Geschichtsbuch. Die Beratung des Reichstages am 19. April 1529 ist eine dieser Ausnahmen.

Zentrale Persönlichkeit dieses Fürstentreffens in der Reichsstadt Speyer ist der spätere deutsche König Ferdinand (1503-1564), Bruder von Kaiser Karl V., der wegen des Krieges gegen Frankreich nicht hatte teilnehmen können. Schon in seiner Eröffnungsrede am 1. März 1529 legt Ferdinand die Lunte zu den politischen Sprengsatz, der wenige Wochen später hochgehen wird, indem er die Aufhebung des Reichsabschiedes von 1526 erklärt.

In diesem Beschluss des Reichstages hatten sich die Oberen Zehntausend des Heiligen Römischen Reiches darauf geeinigt, die Anwendung des Wormser Ediktes in das Ermessen des jeweiligen Landesherren zu stellen. Das bedeutete, dass es den Fürsten, Grafen und Städten selbst überlassen war, Martin Luther und seine Anhänger zu verfolgen oder sie gewähren zu lassen. Ferdinand ist diese Freiheit ein Dorn im Auge.

Reichsabschiede sind Konsenskunstwerke; Ferdinand hat die Wahl, höchste diplomatische Überzeugungskunst walten zu lassen oder einen Überrumplungsversuch mit der Brechstange zu machen. Er entschließt sich für das Modell Brechstange.

In der Sitzung am 19. April, die wie alle anderen im 1689 zerstörten Rathaus von Speyer stattfindet, lässt er seinen Standpunkt als Reichsabschied verlesen. Von den Beschwerden der evangelischen Fürsten gegen sein Vorhaben habe man zwar Kenntnis genommen und lasse sie auch „in ihrem Werthe bleiben“. Doch nun sollen die Evangelischen unterschreiben, dass sie sich der „…von der Majorität ganz nach altem löblichen Gebrauche beschlossenen und von den kaiserlichen Commissären kraft der vom Kaiser ihnen erteilten Vollmacht genehmigten Abschied nicht weigern würden“.

Die Evangelischen, die damit ihre Beschwerde vollständig beerdigt hätten, sind auf eine solche Breitseite nicht gefasst. Sie beantragen eine Unterbrechung der Sitzung und ziehen sich in ein Nebenzimmer zurück.

Als sie wieder zurückkommen, ist Ferdinand samt seiner Räte bereits gegangen. Darüber sind wiederum die Evangelischen beleidigt: Hätte er „..nicht die kleine Weile würden verzogen und abgeharret haben, dass wir ein kurz Gespräch mit einander hätten“? Man schickt ihm Abgesandte hinterher, um die Erwiderung in seinem Beisein zu sprechen, doch vergeblich: Ferdinand lässt ausrichten, er handle auf Befehl des Kaisers, die Sache sei durch, basta.

Nun passiert doch, was manche Abgesandten schon in den Tagen zuvor in ihren Briefen nach Hause hatten kommen sehen: Aus dem Konflikt um das Wormser Edikt wird ein politischer Bruch, nämlich ein förmlicher Protest gegen einen Reichsabschied. Als erster ergreift Kurfürst Johann von Sachsen das Wort, ihm folgen Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach, Landgraf Philipp von Hessen und schließlich der lüneburgische Kanzler Johann Furster namens des Herzogs Ernst von Braunschweig-Lüneburg. Man übergibt eine eilends zusammengestellte Schrift, die bis zum nächsten Tag nochmals überarbeitet und dann nochmals Ferdinand überreicht wird (der die Annahme übrigens verweigerte). Darin heißt es: „So bedenken wir…öffentlich zu protestiren, wie wir auch hiemit gegenwärtig thun…und  dass wir…Euer Vorhaben für nichtig und unbindig halten…“. Von Seiten der Fürsten beteiligen sich auch Wolfgang von Anhalt und Wilhelm von Fürstenberg.

Der Abgesandte der Reichsstadt Straßburg, Jakob Sturm, schließt sich namentlich der Städte an, von denen am Ende 14 die Protestation unterzeichnen, darunter Nürnberg, Straßburg, Ulm, Nördlingen, Weißenburg und Windsheim. Frankfurt und Köln protestieren zunächst, ziehen ihre Unterschrift aber dann zurück.

Die Protestführer sind sich der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst. Ein Abgesandter schreibt wenige Tage vor dem Zusammenstoß nach Hause: „Die, so Gottes Parthie und bei seinem heiligen Worte bleiben wollen, sind das kleine Häuflein, ist aber unerschrocken…Die andere Probe wird werden: Das Wort Gottes zu widerrufen oder aber brennen.“

Nach der Weltsekunde von Speyer kehrt der Reichstag sofort zum Alltagsgeschäft zurück. Auf der Tagesordnung stehen nun ein Streit zwischen Rat und Bischof von Konstanz und eine Diskussion über die Frage, ob der Straßburger Abgesandte Daniel Mieg weiterhin vom Reichsregiment ausgeschlossen bleibe.

Fünf Tage später ist der Reichstag zuende. Ferdinand hat die Protestation ignoriert. Die Beschwerdeführer treffen sich daher nochmals am 25. April und fassen ihre Klagen in einem „Instrumentum Appellationis“ zusammen. Die Fronten bleiben ungeklärt, aber wenigstens gibt es jetzt einen gemeinsamen Namen für die Anhänger der Reformation: Protestanten.

Thomas Greif