Reformationsjubiläum in Bayern
Protest mit Rauchwurst
9. März 1522: Huldrych Zwingli und das Zürcher Wurstessen

Wenn die Voraussetzungen stimmen, kann das banalste Ereignis den Gang der Geschichte verändern. So geschehen in Zürich am 9. März 1522.  Mit dem berühmt gewordenen „Zürcher Wurstessen“ tritt Großmünster-Priester Huldrych Zwingli die Reformation in seiner Stadt los.

Der Buchdrucker Christoph Froschauer hat an diesem Sonntag Gäste in sein Haus „im Wyngarten am Niederdorf“ (heute Zähringerstraße 32/Gräblistraße 7)  geladen: Außer seinen Gesellen sind dies der Schumacher Klaus Hottinger, der Weber Lorenz Hochrütiner, Leo Jud, Pfarrer an St. Peter, und Huldrych Zwingli, ehedem Leutpriester und inzwischen Chorherr am Großmünster, der alten Hauptkirche von Zürich.

Man trinkt, man isst, zunächst harmlose Zürcher Fastnachts-Chüechli, aber irgendwann holt der Hausherr zwei einjährig gelagerte Rauchwürste hervor, schneidet sie klein und verteilt sie an die Gäste. Zwingli schaut zu, Jud isst mit.

Brisant an diesem sprichwörtlich gewordenen Zürcher Wurstessen ist der Termin: Ein paar Tage vorher hat die Fastenzeit begonnen. Der Verzehr von Fleisch ist strikt untersagt und von der städtischen Ordnung mit Sanktionen belegt, eigentlich. Froschauer und seine Freunde wissen das natürlich, ebendrum haben sie sich getroffen.

Das Wurstessen ist ein gezielter Affront gegen die Obrigkeit, die im Augenblick noch zwischen der bestehenden kirchlichen Ordnung und der jungen Botschaft der Reformation schwankt. Zwingli hat noch als Pfarrer von Glarus in den Jahren 1515/16, den entscheidenden Schritt ins theologische Neuland unternommen, seine „Wende“: Er erkennt die Bibel als einzige, und zwar als wörtlich zu verstehende Autorität an. Man müsse „den Sinn Gottes rein aus seinem einfaltigen Wort lernen“, wird er später schreiben. Die Neuigkeiten aus Wittenberg fallen jedenfalls bei ihm auf fruchtbaren Boden.

Nach dem Wurstessen ermahnt der Rat den Buchdrucker Froschauer ob der Grenzüberschreitung. Froschauer rechtfertigt sich mit dem hohen Arbeitsdruck, der vor der Frankfurter Buchmesse auf seinen Leuten gelastet habe: Man hätte ansonsten das neueste Werk des Erasmus von Rotterdam nicht mehr rechtzeitig fertigbekommen. Die Stadtoberen wollen die Sache aber nicht weiterverfolgen. Die Welt, und schon gar nicht der Bischof von Konstanz, hätte von dem frechen Fastenbrechen nichts erfahren.

Das aber war nicht der Sinn der Sache. Zwei Wochen später verteidigt Zwingli das Wurstessen von der Kanzel weg  und lässt seine Predigt sogar in Druck geben („Von Erkiesen und Fryheit der Spysen“). Die Rede gipfelt in dem Appell: „Willst du gern fasten, dann tu es! Willst du dabei auf Fleisch verzichten, dann iss auch kein Fleisch! Lass mir aber dabei dem Christen die freie Wahl!“ Aus der Bibel ließen sich die Fastenregeln nicht ableiten, und das bedeute: „…dass die geistlichen Oberen nicht nur keine Macht haben, solche Dinge zu gebieten, sondern dass sie, wenn sie es gebieten, eine schwere Sünde begehen; denn jeder, der Macht hat und mehr verlangt, als geboten ist, handelt sträflich.“

Nun endlich bekommt Zwingli die öffentliche Wahrnehmung, die er gesucht hat. Der Bischof ist entrüstet und schickt eine Untersuchungskommission, der Rat aber folgt seinen Empfehlungen. Unter Zwinglis Regie öffnet sich die einflussreiche Stadtrepublik der neuen Lehre, ja, sie erhebt den Anspruch, als Musterstadt der Reformation zu dienen, als „neues Jerusalem“.

Dem Wurstessen bei Froschauers folgen mehrere Disputationen zwischen Anhängern der alten und der neuen Lehre. Doch Zwinglis mächtige Position in der Stadt, überhaupt seine überragende Persönlichkeit lässt keinen Zweifel daran, wie derlei Debatten ausgehen würden. „Die Veranstaltung war ein reiner Schaukampf“, schreibt etwa der Schweizer Historiker Thomas Lau über die zweite Zürcher Disputation: „Die Aufgabe war es, Zwinglis gemäßigter Haltung zum Sieg zu verhelfen.“

Es folgen: Bildersturm, Auflösung der Klöster, Reform der Liturgie und der Kirchenverfassung, Neuordnung der Armenpflege und des Schulwesens unter städtischer Führung. 1525 feiert Zwingli im Großmünster erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt und nach seinem Verständnis. Der eigenwillige Reformator stirbt gut  neuneinhalb Jahre nach dem folgenreichen Wurstessen in der Schlacht bei Kappel. In einer nachträglichen Gerichtsverhandlung wird er als Ketzer verurteilt, sein Leichnam gevierteilt und verbrannt, die Asche in alle Winde verstreut. Erst sein Nachfolger Heinrich Bullinger festigt die neue Lehre in der Stadt. Die Kappeler Schlachten befestigen die konfessionelle Spaltung der Schweiz für Jahrhunderte.

Der Drucker Christoph Froschauer bringt ein Jahr nach Zwinglis Tod dessen „Zürcher Bibel“ heraus – ein Meilenstein der reformatorischen Buchdruckerkunst. Sein Betrieb lebt bis heute weiter in der Verlagsholding Orell Füssli.

Thomas Greif

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