Reformationsjubiläum in Bayern
Neue Thesen bekommt das Land
„Reformation reloaded“: Aktion der Evangelischen Jugend an diesem Samstag

Was wollte Martin Luther anno 1517 mit dem legendären Anschlag seiner 95 Thesen eigentlich erreichen? Die Kirche an sich kritisieren und infrage stellen? Die Kirche spalten oder gar eine neue grünen? „Er wollte die Fehlentwicklungen in der Kirche aufzeigen“, sagt Ilona Schuhmacher von der Evangelischen Jugend Bayern (EJB) – nicht mehr und nicht weniger. Genau darum geht es auch an diesem Samstag (1. Juli) bei der Aktion „Reformation reloaded“ der EJB, die von vielen Jugendgruppen in ihren Gemeinden zeitgleich gestartet wird. Dabei sollen 95 neue Thesen aus Jugendsicht für Gesellschaft, Politik und Kirche veröffentlich werden.

Die EJB hatte die Gruppen der Evangelischen Jugend (EJ) aufgefordert, neue Thesen für die drei Bereiche aufzustellen und einzureichen. In den vergangenen Monaten wurde immer eine „These des Monats“ auf der Internetseite der EJB veröffentlicht – und zwischen März und Mai konnte man dort aus mehr als 270 eingereichten Thesen seine Top-95 wählen. „Wir haben das Ergebnis danach ausgewertet“, erzählt Schuhmacher. Der Inhalt der gewählten Thesen sei nicht überraschend gewesen: Die Jugend fordert mehr Gerechtigkeit bei Bildung und bei  Ressourcen, sie will mehr Umweltschutz, Ökumene und echte Gleichberechtigung.

Anders war es beim Themenfeld Kirche, sagt die EJB-Referentin. Zwar wünschen sich die Jugendlichen laut der ausgewählten 95 Thesen mehr und öfters jugendspezifische Angebote – noch häufiger jedoch wollen sie in ihren Gemeinden mittendrin statt nur dabei sein. „Kinder und Jugendliche wollen nicht nur ihre Gottesdienstformate für sich haben, sie wollen in den Gemeinden beteiligt werden, bei den ’ganz normalen’ Gemeindeangeboten mitmischen“, sagt Schuhmacher: „Das empfänden viele dann als echte Generationengerechtigkeit – die Jugend will nicht immer nur eine Extrawurst, will sich nicht abkapseln. Das ist toll!“

Marc Leistner, Gemeindediakon und Jugendreferent im evangelischen Dekanat Schweinfurt, ist bei den ausgewählten 95 Thesen noch etwas ganz anderes aufgefallen: „Die sind oft richtig lang und detailliert.“ Den in der EJB engagierten Jugendlichen gehe es also nicht nur um griffige Schlagworte, nicht bloß um schnelle und Aufmerksamkeit mit Knalleffekt, sondern um Inhalte. „Vieles geht richtig in die Tiefe. Das hat mich zwar nicht überrascht, weil ich kenne die Leute in unserer EJ ja gut, aber es hat mich sehr beeindruckt.“ Leistner findet es darüber hinaus gut, dass keine zentrale Aktion stattfindet, sondern überall in den Gemeinden.

Die Jugendlichen haben sich landauf landab einiges einfallen lassen. Der Anschlag der 95 neuen Thesen soll gegen 17 Uhr stattfinden, meistens ist er eingebunden in mehr oder weniger große Veranstaltungen, Feiern oder Gottesdienste. „Vor Ort werden in der Regel auch nicht alle 95 der ausgewählten Thesen veröffentlicht, sondern nur einige, die für die EJ in der jeweiligen Gemeinde oder im jeweiligen Dekanat besonders wichtig sind“, erzählt EJB-Referentin Schuhmacher. Sie hofft, dass die Thesen in den Gemeinden und Dekanaten vor Ort gehört werden: „Die jungen Menschen wollen Gemeinde mitgestalten. Das ist eine große Chance.“

Dass die jungen Köpfe kreativ sind – nach einem Blick auf viele Dutzend Veranstaltungen in den verschiedenen Regionen Bayerns kein Zweifel. Auf dem Neu-Ulmer Petrus-Platz etwa veranstaltet die EJ des Dekanats ab 15.17 Uhr ein Spektakel unter dem Motto „Ich bin so frei!“ ein. Das Open-Air mit Szenen aus dem Luther-Musical, Diskussionsrunden und Musik endet, wie sollte es anders sein, um 20.17 Uhr. In Schweinfurt lädt die EJ zu einem Mittelaltermarkt auf den Martin-Luther-Platz ein. Los geht es um 14.30 Uhr, um 17 Uhr findet eine Andacht mit Thesenanschlag statt. Um 17.17 Uhr sollen dann vielerorts die Kirchenglocken Gott zur Ehre läuten.

Ganz anders beteiligt sich beispielsweise die EJ im Dekanat Ingolstadt an der „Reformation reloaded“. Am 1. Juli findet dort keine Veranstaltung statt, sondern erst am 23. September. Denn bis dahin läuft die TourTür. Dahinter verbirgt sich eine kleine Kirche auf einem Pkw-Hänger, die im ganzen Dekanat unterwegs ist, vor allem auch an Schulen. „Wir bieten ein anderthalbstündiges Rahmenprogramm mit verschiedenen Stationen an“, sagt Dekanatsjugendreferent und Diakon Sebastian Schäfer. Das alles soll den Nachwuchs dazu befähigen, im Anschluss eigene Wünsche und Forderungen an Politik, Kirche und Gesellschaft zu formulieren

„Wir wollten die Kinder und Jugendlichen dazu bringen, nicht nur über die Geschichte der Reformation nachzudenken, sondern darüber, was Reformation heute bedeutet, in einer Zeit, in der sowieso so vieles im Wandel ist“, sagt EJB-Referentin Ilona Schuhmacher: „Ich glaube, das ist ganz gut gelungen.“

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)

Bild © Harm Michaelis by pixelio

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