Reformationsjubiläum in Bayern
Luthersprüche als Quelle der Inspiration für Jugendliche

„Nur, wer sich entscheidet, existiert.“ – Die Schüler aus zwei 7. Klassen am Heinrich-Schliemann-Gymnasium brüten über diesem Zitat: Geht es um eine konkrete Entscheidung? Den richtigen oder den falschen Weg? Vielleicht geht es eher darum, überhaupt Entscheidungen zu treffen? „Wer sich für nichts entscheidet, der bewegt sich nicht,“ meint ein Mädchen aus der hinteren Reihe. „Vielleicht bleibt der gleich im Bett liegen, aber das wäre ja auch schon wieder eine Entscheidung.“ Ein Mitschüler ergänzt: „Der macht halt einfach alles mit, was alle  machen.“ Ein lebhaftes Gespräch entsteht. Was entscheide ich selbst, wo mache ich mit und was hat das mit der Existenz zu tun?

Der Spruch, um den es geht, stammt aus dem 16.  Jahrhundert von Martin Luther. Einige kennen den Reformator schon aus dem Unterricht der Grundschule. Am Gymnasium war er im Lehrplan noch nicht dran. Ein Mädchen weiß sogar über das 500-jährige Reformationsjubiläum Bescheid. Vielleicht nicht unbedingt das richtige Thema für zwölfjährige Mädchen und Jungen, könnte man einwenden. Die Kunstpädagogin Johanna Klose hat im Kunstunterricht der 7. Klassen trotzdem das anspruchsvolle Projekt mit rund 30 Schülern umgesetzt: Die Monatsgrußrückseite zu einem Lutherspruch von Januar bis Oktober zu gestalten. Eine Auswahl von rund 20 Zitaten steht zur Verfügung, mit denen sich die Jugendlichen auseinander setzen musste. Johanna Klose erklärt: „Die Kinder sind in einem spannenden Alter. Sie fangen an, sich eigene Gedanken zu machen. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit und setzen sich mit ethischen Fragestellungen auseinander.“

Es habe auch verhaltene Kritik von Eltern gegeben, verrät sie. Schließlich besuchen 10 % der Siebtklässler nicht den Religionsunterricht, sondern den Ethikunterricht. Manche gehören dem
muslimischen Glauben an, manche haben gar keine Religionszugehörigkeit und natürlich gibt es auch ein paar Katholiken. „Aber die Ideen und Aussprüche Luthers sind ganz und gar nicht nur für Christen interessant“, sagt die Kunstpädagogin. „Sie bergen Gedankenanstöße, die für alle Menschen gelten können, egal welcher Konfession.“ Davon sind auch die Schüler überzeugt. Ein Mädchen, die dem Islam angehört, hat gar kein Problem mit der Auswahl „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Diese Haltung spricht sie an. Das ist so positiv und lebensbejahend. In den Ohren der Jugendlichen klingt das gar nicht verstaubt und es legt sie auch nicht auf eine bestimmte Religion fest. Jeder hat schließlich einen Spruch gefunden, der ihm gefällt. Jetzt ist die weitere Aufgabe, diese Bedeutung in eine Bildsprache zu übertragen.

Zum gewählten Spruch wird ein Bildkonzept und eine grafische Umsetzung entwickelt, die den Wortanteil integriert. Leonie Escherich-Gross hat sich wie sechs weitere Schüler entschieden:
„Nur, wer sich entscheidet, existiert“, ist ihre Wahl. Und eine weitere Entscheidung trifft sie: Welche „Entscheidungssituation“ möchte sie abbilden? Leonies Hand schwebt über der Schale mit den Süßigkeiten und dem Obst, so zeigt es der von ihr mit Buntstift skizzierte Bildentwurf. Denn ein Teil der Arbeit ist der zeichnerische Vorentwurf mit Bleistift und Beschriftungen auf einem Din A4 Blatt, bevor sie sich mit dem Fotoapparat ausgerüstet auf die Suche nach dem geeigneten Motiv machen kann. Abschließend werden die Fotos am PC bearbeitet

Alle sitzen hochkonzentriert mit roten Wangen vor den Bildschirmen und grübeln über Schriftart, -größe, -farbe. Textbausteine werden hin- und hergeschoben und schließlich im Bild platziert. Frau Klose berät und greift unterstützend ein, wenn die Werkzeuge im Bildbearbeitungsprogramm nicht so funktionieren wie gedacht. Die letzte Entscheidung trifft der  Redaktionsbeirat des Monatsgruß: Denn von den vorliegenden 30 Arbeiten können nur neun verwendet werden. Eigentlich schade, denn alle Schülerinnen haben tolle Arbeiten abgeliefert.

Deshalb gibt es zum Schluss eine Ausstellung mit allen Entwürfen: Am 31. Oktober 2017 im Gemeindehaus St. Michael.

© Johanna Klose