Reformationsjubiläum in Bayern
Königliches Machtwort
  1. Oktober 1536: Herrentag in Kopenhagen

In den frühen Jahren der Reformation war es für jede Reichsstadt, jede Ritterschaft und jedes Herzogtum ein politisches Wagnis, sich auf die Seite der neuen Lehre zu schlagen. Niemand wusste ja, wie sich die Dinge entwickeln würden. Da war es ein machtvolles Zeichen, wenn ein ganzes Königreich mit Mann und Maus evangelisch wurde. Und das geschah am 30. Oktober 1536 in Kopenhagen.

Schon der dänische König Frederik I. (1471-1533) hatte erkannt, dass die Reformation ein Tor öffnete, um aufstrebende Landesherrn vom eisernen Klammergriff der mächtigen römischen Kirche zu befreien. Bereits 1526, die ersten reformatorischen Prediger waren bereits im Lande unterwegs, begann er, kirchliche Ämter ohne Rücksprache mit Rom eigenmächtig zu besetzen. Vorhaltungen seitens der Bischöfe begegnete er mit Schutzzusagen für Katholiken; gleichzeitig aber ließ der König die Lutheraner im Lande gewähren. Gegen Ende der 1520er jahre befand sich das kirchliche Leben in Dänemark vielerorts in Auflösung: „Bettelmönche wurden verjagt, Priester heirateten, Bilder wurden gestürmt und Abgaben an die Kirche verweigert“, schreibt der Kirchenhistoriker Heinrich Holze.

Frederiks Sohn und Nachfolger Christian III. (1503-1559) war entschlossen, die Reformation endgültig durchzusetzen – und zwar mit einem Akt, der als ganz dickes Ausrufezeichen zu verstehen war. Der junge König, seinerzeit als Augenzeuge von Luthers Auftreten vor Kaiser Karl V. im Jahr 1521 tief beeindruckt, hatte in den ersten beiden Regierungsjahren als König von Dänemark und Norwegen um den Thron kämpfen müssen, er hatte sich mit seinen adeligen Gegnern geschlagen, die katholischen Bischöfe abgesetzt und inhaftiert. Nun aber berief der König einen „Herrentag“, mehr noch: eine regelrechte Ständeversammlung nach Kopenhagen. Was er nun zu sagen hatte, wollte er nicht vor den adeligen Mitgliedern des Reichstages tun, sondern auch vor Mitgliedern der Domkapitel, vor Stadtbürgern aus den Provinzen und vor Bauern aus allen Ämtern des Landes.

Kopenhagen hatte etwa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Rolle der dänischen Hauptstadt von Roskilde übernommen. Die Stadt dürfte zu Zeiten Christians etwas über 10 000 Einwohner gehabt haben und war damit die größte in Skandinavien, aber nur weniger als halb so groß wie die hanseatische Handelsmetropole Lübeck.

Auf dem Gammel Torv (Alter Markt) im Herzen der Stadt versammelten sich am 30. Oktober 1536 um die 1200 Menschen aus allen Teilen Dänemarks, um die Ergebnisse des Treffens, einen „Recess“, zu vernehmen. Die Bestimmungen, die den Charakter eines Grundgesetzes hatten, waren eindeutig: Der König beklagte die „Verbrechen, Untaten und Unterlassungen“ der Bischöfe, die er als Hauptschuldige an den vorhergehenden Bürgerkriegswirren ansah, und verkündete dann eine völlige Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse. Kirchliche Güter und Pfründe, auch der „Bischofszehnt“, fielen dem König zu, der sich, ganz nach den Ideen Martin Luthers, nunmehr selbst als neues Haupt der dänischen Kirche verstand. Augenzeugenberichte von der Versammlung sind nicht erhalten, sondern lediglich ein Teil der königlichen „Propositionen“.

Seinen symbolischen Abschluss fand der politische Weg Christians gut ein Jahr später in dessen offizieller Krönung. Der Wittenberger Reformator Johannes Bugenhagen (1485-1558), der den Dänen auch eine lutherische Kirchenordnung schrieb, die Universität Kopenhagen nach neuem Modus organisierte und die Superintendenten ordinierte, die an die Stelle der abgesetzten Bischöfe traten (und ein paar Jahrzehnte später auch die Bischofstitel wiederbekamen), nahm sie in der Vor Frue Kirke vor, einen Steinwurf vom Gammel Torv. Kurz darauf wurde die dänische Sprache in der Liturgie festgeschrieben.

Damit hatte sich erstmals ein europäisches Königreich vollständig der Reformation angeschlossen. Es gab daher keine Notwendigkeit, sich möglichst deutlich abzugrenzen: Das tradierte Liedgut wurde lange beibehalten, die Liturgie nur massvoll angepasst. Noch 1590 wunderte sich der englische König Jakob I. bei einem Besuch in Dänemark über die vermeintlich ziemlich katholischen kirchlichen Gewohnheiten.

Die Dänen feiern daher bis heute kein Reformationsfest, schon gar keines mit Glanz und Gloria, wie es vielerorts in evangelischen Gegenden begangen wird, sondern feiern vielmehr den guten alten „alle helgens dag“. In Kopenhagen gibt es zwar ein Reformationsdenkmal, auf dem auch der Herrentag von 1536 als Bronzerelief abgebildet ist – doch das Denkmal vor der Vor Frue Kirke steht in keinem Reiseführer und führt überhaupt ein recht verlorenes Dasein. Den großen Bahnhof, den die Deutschen um den Jahrestag des Wittenberger Thesenanschlages machen, verstehen sie hier nicht. Es ging doch alles weiter wie vorher, nur leicht modifiziert. Die meisten Häuser auf dem Gammel Torv brannten beim großen Stadtbrand von 1795 ab. Der Platz, bis heute eine Herzkammer des städtischen Lebens, hat daher heute ein ganz anderes Gesicht als in den Zeiten der Reformation.

Thomas Greif

In der nächsten Folge kehrt ein Reformator in eine Stadt zurück, aus der man ihn bereits einmal wegkomplimentiert hatte.