Reformationsjubiläum in Bayern
Jahrhunderttalent am Werk
28.8.1519: Philipp Melanchthon hält seine Wittenberger Antrittsvorlesung

Neben dem Alphatier Martin Luther ist dessen Wittenberger Professorenkollege Philipp Melanchthon (1497-1560) die zweite Zentralgestalt der frühen Reformation.  Am Samstag, 28. August 1518, betrat er die Bühne der großen Geschichte.

Melanchthon war es, der als „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) den humanistisch inspirierten Bildungsgedanken in der Reformationsbewegung verankerte, der neuen Lehre ein tragfähiges Gerüst verlieh und mitunter das, was der ungestüme Luther vermasselt hatte, in stiller Hintergrundarbeit wieder ausbügelte.

Der aus dem badischen Brettheim stammende  Philipp Schwartzerdt, der sich seit seinem zwölften Lebensjahr in guter Humanistenmanier einen neuen Namen gegeben hatte, muss ein geistiges Jahrhunderttalent gewesen sein. An der Universität Tübingen legte er das Examen als  bester Kandidat ab (primus omnium) – dabei war er damals, 1514, erst siebzehn Jahre alt! Schon 1516 pries der große Erasmus von Rotterdam den damals 19jährigen: „Unsterblicher Gott! Welcher Scharfsinn der Erfindung, welche Reinheit der Sprache, welche Schönheit des Ausdrucks, welches Gedächtnis der unbekanntesten Sachen, welch reife Belesenheit!“

Zwei Jahre später wird man im sächsischen Wittenberg auf den humanistischen Überflieger aufmerksam. An der dortigen Universität ist eine neu geschaffene Professur für griechische Sprache zu besetzen. Der kurfürstliche Hofkaplan Georg Spalatin bittet den berühmten Gelehrten Johannes Reuchlin um Rat, der auch prompt bei seiner Empfehlung für seinen Großneffen Philipp Schwartzerdt dick aufträgt: Er wisse keinen, schreibt er zurück, der über ihm stehe – außer Erasmus natürlich.

Ende Juli macht sich Melanchthon auf die rund 700 Kilometer lange Reise von Tübingen nach Wittenberg, wo er am 25. August 1518 eintrifft. Bereits unterwegs, am Rande des Reichstages in Augsburg, hat ihn Kurfürst Friedrich der Weise formell amtsverpflichtet.

In Wittenberg herrscht erst einmal Ratlosigkeit. Dieses schmächtige Bürschchen, gerade mal 1,50 Meter groß, das mit hängenden Schultern daherkommt, leicht lispelt und überdies auch noch etwas stottert, soll die Reformhoffnung der Uni sein? Wenn er durch die Straßen geht – Wittenberg hat ja praktisch nur zwei – schreien ihm die Kinder Spottverse hinterher!

Schon drei Tage nach seiner Ankunft, am 28. August, hält der junge Prof seine Antrittsvorlesung. Alles, was Rang und Namen in der Uni hat, versammelt sich in der Schlosskirche, die seit 1507 als Auditorium dient. „De corrigendis adulescentiae studiis“ hat Melanchthon seine Rede genannt, die er, wie im damaligen akademischen Betrieb üblich, auf Latein hält: „Über die Studienreform“. Darin wirbt er für die Notwendigkeit, die antiken Texte nicht in den lateinischen Übersetzungen, sondern in ihren griechischen und hebräischen Originalen zu lesen. Was die Bibel angeht, legt er damit einen Grundstein reformatorischen Schriftverständnisses: „Nicht aus dem Übersetzungen und Glossen der späteren Zeit soll die christliche Lehre geschöpft werden, sondern nur aus den reinen Urquellen der heiligen Schrift; sie soll uns zu Christo hinführen, zu ihm allein…“.

Melanchthon entwirft eine neue Konzeption von Studium und Bildung mit den Eckpfeilern Sprache, Dialektik und Rhetorik und grenzt sich scharf von der scholastischen Tradition des Mittelalters ab. Vor allem dafür bekommt er lauten Beifall seiner Zuhörer. Theologie erfordere ein „Höchstmaß an Denkfähigkeit, intensiver Beschäftigung und Sorgfalt“, unterstreicht Melanchthon – nur so könne man einen „Zugang zum Heiligen“ finden.

Die skeptische Grundstimmung gegenüber dem „kleinen Griechen“, wie ihn Luther später liebevoll nannte, schlägt ob dessen brillanter Argumentation und Eloquenz praktisch augenblicklich in Hochachtung in Bewunderung um. Am gleichen Tag schreibt Luther an Spalatin: „Er hat eine Rede gehalten, so gelehrt und so schön, zu solcher Bewunderung aller Anwesenden, dass es nicht mehr nötig ist, dass du ihn uns empfiehlst; wir haben alsbald von seiner äußeren Erscheinung abgesehen und können uns nur Glück wünschen und dem Fürsten danken.“ Schon im folgenden Jahr, 1519, bei der berühmten Leipziger Disputation mit Johannes Eck, tritt Melanchthon öffentlich an Luthers Seite auf. Mehr noch: Den Zuhörern fällt auf, dass der schmächtige Bursche an Luthers Seite diesem während der Disputation Argumente zuflüstert. „Vermutlich versorgte er ihn mit geschichtlichen Hintergrundinformationen zu seiner Kritik an Papsttum und Konzilien, denn in der Geschichte kannte sich Melanchthon besser aus als der Doktor der Theologie“, vermutet der Melanchthon-Biograph Martin Jung.

Künftig war Melanchthon nicht mehr von Luthers Seite wegzudenken. Aus dem schmalen Jüngling, der an jenem Augustsamstag anno 1518 vermutlich mit Mühe über den Katheder geblickt hatte, wurde der wichtigste strategische Denker der Reformation.

Thomas Greif