Reformationsjubiläum in Bayern
„Ich bin hindurch!“
18.4.1521: Luthers Auftritt vor Kaiser Karl V. beim Reichstag in Worms

Manche Wendepunkte der Geschichte entpuppen sich erst viel später als solche, manche lassen schon in dem Moment, in dem sie passieren, die Welt den Atem anhalten. Zu diesen ganz großen historischen Augenblicken gehören zum Beispiel die Schüsse von Sarajevo, der Fall der Berliner Mauer – und Martin Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich am 18. April 1521 in Worms.

Für den widerspenstigen Mönch aus Wittenberg geht es in jenen Wochen ums Ganze. In der Bulle „Decet Romanum Pontificem“ hat ihn Papst Leo X. Anfang des Jahres 1521 zum Ketzer erklärt und ihn exkommuniziert. Auf den Kirchenbann folgt zwingend die Reichsacht. Um sie zu verhängen, muss Kaiser Karl V. Luther zuerst anhören – so will es die kaiserliche Wahlkapitulation von 1519. So lädt Karl den Reformator unter Zusicherung freien Geleits zum Reichstag nach Worms ein, der seit Januar im Gange ist.

Luther ist gewarnt – hatte man nicht auch Jan Hus freies Geleit versprochen, bevor man ihn in Konstanz verbrannte? Dennoch lässt er sich auf die Fahrt nach Worms ein, die in weiten Teilen einem Triumphzug gleicht. Am 16. April trifft er in der Stadt ein und bekommt ein Quartier im Johanniterhof zugewiesen. Ganz in der Nähe, im Gasthof „Zum Schwan“ wohnt der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise, der es aber tunlichst vermeidet, seinen prominentesten Untertan persönlich zu treffen. Das tun dafür jede Menge anderer Leute; der Johanniterhof schwirrt nur so vor Neugierigen, die einen Blick auf dem berühmten Mönch werfen wollen.

Schon am nächsten Tag wird Luther zum ersten Mal in den Bischofshof geführt, wo sich Mitglieder des kaiserlichen Hofstaates und Ständevertreter um den Kaiser versammelt haben. Eine offizielle Reichstagssitzung ist das Treffen nicht.

Der Offizial des Erzbischofs von Trier, Johannes von der Ecken, fordert ihn zum Widerruf seiner Schriften auf. Luther erbittet sich einen Tag Bedenkzeit.

Am Montag, 18. April, kommt es schließlich zum lang erwarteten Showdown. Gegen 16 Uhr wird Luther im Johanniterhof abgeholt, kann aber erst gegen 18 Uhr den mit Fackeln hell erleuchteten Saal betreten, weil Kaiser und Fürsten vorher noch andere Angelegenheiten beraten. Der Saal ist überfüllt, manche drängen sich seit dem Vormittag hinein, um einen Platz abzubekommen. Wieder fordert der Offizial den Widerruf.

Nun hält Luther, im Gedränge inzwischen bis dicht an den Kaiser herangeschoben, seine berühmte Rede in deutscher Sprache. Sie dauert etwa zehn Minuten und erfolgt frei, so wie man ihm tags zuvor aufgetragen hat. Zunächst entschuldigt er sich für mögliche Verstöße gegen die Etikette: „Nicht bei Hofe, sondern in der Mönchszelle habe ich mein Leben zugebracht.“ Er bekennt sich ausdrücklich zu seinen Schriften,  die er anschließend in drei Gruppen teilt: Erbauungsschriften, Schriften gegen das Papsttum und Schriften gegen private Gegner. Widerrufen könne er nur, wenn man ihn aus der Bibel widerlege. Auf Zurufe aus dem Publikum wiederholt Luther alles auf Latein. Manche Zuhörer wollen eine Bereitschaft zum Widerruf aus seinen Worten herausgehört haben.

Nochmals beraten die Fürsten, nochmals wird Luther direkt gefragt, ob er nun widerrufe oder nicht. Nun fallen seine Worte fürs Geschichtsbuch: „„… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde – denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben – so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“ Sein Schlusswort lautet: „Gott helfe mir, Amen!“ und nicht etwa „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“.

Die letzten Worte gehen im Tumult unter. Luther wird aus dem Saal geführt. Die spanischen Reitknechte des Kaisers rufen ihm „Al fuego! Al fuego“ nach – glücklicherweise verstehen seine Anhänger nicht, dass sie Luther „ins Feuer“ wünschen, sonst wäre die Lage vermutlich eskaliert. Im Johanniterhof wirft er beide Arme hoch und jubelt: „Ich bin hindurch!“

Ein Zeitgenosse fasst die Sache so zusammen: „Er hat auf erden nichts geforcht, sondern eher hundert hels, leib und leben daran gewagt und gesezt, ehe er ein buchstaben ohne unterweisung aus dem gotlichen wort widerruffen hett“. Im „Wormser Edikt“ verhängt der Kaiser die Reichsacht über Luther, lässt ihn aber unbehelligt nach Hause reisen – was er viele Jahre später gegenüber spanischen Mönchen bedauert: „Ich irrte, als ich damals den Luther nicht umbrachte. So wuchs dieser Irrtum ins Ungeheure.“

Thomas Greif

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