Reformationsjubiläum in Bayern
Heiratswilliger Kirchengründer
  1. November 1534: Die Suprematsakte Heinrichs VIII. von England

Von allen Landesherren hatte König Heinrich VIII. (1491-1547) die seltsamste Motivation, mit der Alten Kirche zu brechen: Er wollte wieder heiraten. Dazu machte er sich selbst zum Oberhaupt über die englische Kirche, und das Parlament bestätigte das. Die Anglikanische Kirche war geboren.

„Meine Herrin und Freundin, ich und mein Herz geben sich in Eure Hände und bitten Euch, uns Eurer Gunst zu empfehlen…“: Mit derlei Liebeswerben, übrigens zumeist in französischer Sprache formuliert, begann im Winter 1526/27 eine Scheidungsaffäre von weltpolitischen Ausmaßen. Absender war der englische König Heinrich VIII., Adressatin die junge Adelige Anne Boleyn. Die Sache hatte einen doppelten Haken: Anders als ihre Schwester Mary verweigerte sich die 19jährige, die von Zeitgenossen zwar nicht als herausragend hübsch, aber ausgesprochen charmant beschrieben wurde, dem Buhlen des Königs. Heiraten ging aber auch nicht – denn Heinrich war seit 1509 mit Katharina von Aragon verheiratet, der Witwe seines verstorbenen Bruders Arthur.

Als sich der König schließlich durchrang, die Trennung von seiner Ehefrau anzustreben, tat er das aber nicht nur im Liebesrausch. Katharina hatte bis dato keinen männlichen Nachfolger zur Welt gebracht, was seinerzeit als ernsthaftes Problem der dynastischen und staatlichen Zukunftssicherung galt. Die Begründung  für seinen Scheidungswunsch holte sich Heinrich aus der Bibel: „ Wenn jemand die Frau seines Bruders nimmt, so ist das eine abscheuliche Tat. Sie sollen ohne Kinder sein, denn er hat damit seinen Bruder geschändet.“ (3. Mose, 20,21). Die Ehe mit Katharina widersprach demnach nach Heinrichs Sichtweise dem göttlichen Recht.

Der König drang bei Papst Clemens VII. auf eine formelle Scheidung, was dieser nach langem Hin und Her 1531 mit der berühmten Formulierung „Non possumus“ (wir können nicht) ablehnte, obwohl Heinrich den Ehrentitel „fidei defensor“ (Verteidiger des Glaubens) trug – immerhin hatte er sich Jahre zuvor der Reformation energisch entgegen gestellt.

Der König aber war nicht bereit, sich dem Willen des Papstes unterzuordnen. Am 25. Januar 1533 heiratete er Anne im Geheimen,  und einige Monate später besorgte der der neue Erzbischof von Canterbury, Thomas Cramner, die Scheidung der Ehe mit Katharina und die offizielle Anerkennung der neuen Heirat. Seinen Ungehorsam gegenüber dem päpstlichen Wort garnierte Heinrich indes mit wüsten Ketzerverfolgungen – um sein schlechtes Gewissen einzufangen?

1534 stellte er seinen Bruch mit Rom auf ein gesetzliches Fundament. Zunächst regelte das Parlament den Thronfolgevorrang aller Kinder aus der Ehe Heinrichs mit Anna Boleyn. Dann, am 3. November, einem Samstag, wurden bei der sechsten Session des Parlamentes gleich fünf Gesetze verabschiedet, allen voran der „Act of Supremacy“ (Suprematsakt): Er erklärte die Oberhoheit des Königs über die Kirche von England und ist damit die Gründungsurkunde der Anglikanischen Kirche. Der entscheidende Satz lautet (in deutscher Übersetzung): „Der König, unser oberster Herr, seine Erben und Nachfolger, sollen als die alleinigen irdischen Häupter der englischen Kirche, genannt anglikanische Kirche, betrachtet werden und die volle Gewalt besitzen, alle Irrtümer, Ketzereien, Missbräuche und Ärgernisse zu unterdrücken und auszurotten…“ Mit einer kleinen Änderung unter Königin Elisabeth I. gilt das Gesetz bis heute.

Die Tagung des Parlamentes, das seit dem 14. Jahrhundert in die bis heute bestehenden Kammern des „House of Lords“ (Oberhaus) und „House of Commons“ (Unterhaus) geteilt war, fand im Palace of Whitehall statt, den der König dem zuvor entmachteten Kardinal Thomas Wolsey abgenommen hatte. Der vormalige Parlamentssitz in Westminster war 1512 durch ein Feuer zerstört worden.

Die neuen Gesetze wirkten als Brandbeschleuniger in der Verfolgung mißliebiger Gegner, deren Härte auf dem europäischen Festland für blankes Entsetzen sorgte. Die Klöster wurden aufgelöst, der Bruch mit der katholischen Kirche war unwiderruflich. Obwohl die anglikanische Kirche dem katholischen Ritus bis heute nahe steht, gilt sie – wegen der Ablehnung der päpstlichen Autorität – als protestantische Kirche.

Und die so hart erkämpfte Ehe? Endete im schlimmstmöglichen Desaster – ohne männlichen Thronerben und mit der Hinrichtung Anna Boleyns. Noch weitere Ehefrauen Heinrichs wurden von ihm wieder geschieden oder hingerichtet, wovon ein englischer Abzählreim kündet: „ Divorced, Beheaded, Died,
Divorced, Beheaded, Survived.” („Geschieden, geköpft, gestorben,
geschieden, geköpft, überlebt.“)

Thomas Greif

In der nächsten Folge erlebt der linke Flügel der Reformation sein fürchterlichstes Desaster.