Reformationsjubiläum in Bayern
"Gott ist wie Rhabarber"
Interview mit Katrin Göring-Eckardt

Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation – und die Politikerin Katrin Göring-Eckardt feiert mit. Denn der Drang nach Freiheit prägt sie seit ihrer Zeit in einer Jungen Gemeinde in der DDR.

 

Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation. Warum feiern Sie mit?

Es geht bei der Reformation um Freiheit, es geht um den Auszug aus der Angst. Das ist für mich gerade in diesen Zeiten wichtig. Ich bin in der DDR aufgewachsen, deswegen ist Freiheit für mich ein ganz zentraler Impuls. Dass wir frei von Angst leben können. Martin Luther, die Reformatorinnen und die Reformatoren haben vorgemacht, wie das geht. Obwohl sie unter wahnsinnigem Druck standen, obwohl sie unter starken Zweifeln gelitten haben, haben sie gesagt: „Nein, wir machen es anders, wir haben erkannt, dass es um die Gnade geht und nicht um das, was ihr Oberen uns zu sagen habt!“ Das war für mich schon als Jugendliche in der DDR total wichtig und das ist es bis heute.

 

Was braucht ein Mensch, um aus der Angst auszuziehen?

Er braucht Mut. Zum Beispiel den Mut, Menschen zu widersprechen, wenn sie gegen Flüchtlinge wettern. Denn wir sind ein offenes Land, wir sind ein freies Land, wir sollten uns nicht abschotten! Solche Auseinandersetzungen müssen wir heute führen. Wir müssen wieder den Mut haben, uns auch nach außen zu zeigen und zu sagen, dass wir für unsere Freiheit eintreten, für unsere offene Gesellschaft und für die wunderbare Vielfalt, in der wir leben. Diesen Mut kann man aufbringen und man kann man ihn mit Fröhlichkeit verbinden – aber das bedeutet eben auch manchmal Überwindung.

 

Was beurteilen Sie kritisch an der Reformation?

Martin Luther war offensichtlich Antisemit. Ich bin sehr froh, dass wir das in unserer Kirche mit aller Klarheit aufgearbeitet haben und ihm keinen Rabatt geben –so nach dem Motto: Die Zeiten waren halt andere. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass die Frauen der Reformation kein leichtes Leben hatten. Heute würde man wahrscheinlich sagen: Luther war ein ganz schöner Macho.

 

Ist Luther dennoch Vorbild?

Manchmal denke ich, ich hätte gerne mehr von diesem unbedingten Mut und Willen, auch richtig hart reinzugehen und zu provozieren. Ich merke bei mir, dass die Leute immer ganz erschrocken sind, wenn ich es an irgendeiner Stelle tue. Das könnte ich öfter machen – ein bisschen mehr Luther würde mir wahrscheinlich guttun.

 

Worüber würden Sie mit Luther sprechen, wenn sie gemeinsam in einer Talkshow säßen?

Vermutlich würden wir uns zunächst darüber streiten, dass ich auch zu Wort kommen möchte. Er wäre niemand, der besonders viel zuhört. Streiten würde ich mich natürlich mit ihm auch über die Rolle der Frau. Ich würde ihn fragen: Wo hast du die Frauen gelassen, die auch an der Reformation beteiligt waren? Wo sind sie? Wir finden ganz wenige Zitate von Reformatorinnen. Daher würde ich ihn fragen: Welche Sätze hast du geklaut, die eigentlich Frauen gesagt oder aufgeschrieben haben?

 

Welche Thesen würden Sie heute veröffentlichen?

Geht die Veränderung ohne Furcht an! Das ist das eine. Und: Redet über euren Glauben, redet darüber, was für euch den Glauben ausmacht! Wir haben ein Schweigen über den Glauben, weil wir denken, wir leben in einer so säkularen Welt, dass das eigentlichen keinen interessiert. Ich behaupte das Gegenteil! Wir leben in einer Welt, in der Religion eine größere Rolle spielt, auch weil Menschen unterschiedlicher Religionen viel enger zusammenleben. Wir leben in einer Zeit, in der es eine Sehnsucht gibt, über das Unverfügbare zu reden. Ich hoffe sehr, dass es viele Menschen gibt, die sich durch das Reformationsjubiläum aufgerufen fühlen, auch über ihr Innerstes zu reden. Darüber, was es heißt, Gott einen Platz zu geben.

 

Sie sprechen darüber?

Ich habe lange gedacht, mein Christsein ist meine Privatsache. Aber dann ist mir aufgefallen, dass ich immer wieder Briefe bekommen habe oder Gespräche hatte, in denen sich jemand auf mein Christsein bezogen hat. Irgendwann habe ich entschieden: Das mache ich jetzt. Ich glaube, ich habe ein paar Menschen dadurch ermutigt – und ich habe mit einigen Menschen eine neue Ebene gefunden, über die Welt und das Leben zu reden.

 

Wie sind Sie zum Glauben gekommen?

Natürlich war ich in der Christenlehre und bin konfirmiert worden. Aber so richtig erwachsen geworden ist mein Glauben in der Jungen Gemeinde. Dort haben wir einerseits viele gesellschaftliche Fragen, politische Fragen diskutiert. Es war ja so, dass sich die DDR-Opposition in den Kirchgemeinden traf. Andererseits haben wir über unser Innerstes, über unseren Glauben reden können. Zu Hause wurde wenig über Glaubensthemen gesprochen. Ich habe mich lange darüber gewundert. Aber dann ist mir klargeworden: Meine Mutter wollte mich schützen. Sie durfte in der DDR der 50er-Jahre kein Abitur machen, weil sie sich in der Schule auf die Frage „Wer geht denn hier in die Junge Gemeinde?“ gemeldet hatte. Eine schreckliche Erfahrung.

 

Sie sind Großmutter. Wie erklären Sie ihren Enkeln Gott?

Gott ist wie Rhabarber. Das ist ganz einfach. Ich habe mit meiner vierjährigen Enkelin zusammen Erdbeer-Rhabarber-Marmelade gekocht. Sie hat ganz tapfer die grünen Stiele von den Erdbeeren abgeschnitten. Die Erdbeeren lagen dann alle über dem Rhabarber und sie sagte: „Man sieht ja den Rhabarber gar nicht mehr.“ Da habe ich gesagt: „Ja, das ist in der Marmelade dann auch so. Sie wird nämlich rot sein und wir werden den Rhabarber nicht mehr sehen.“ Dann kamen wir irgendwie ins Gespräch, wie das mit Gott ist – und ich sagte: „Der ist da – genau wie der Rhabarber in der Marmelade.“ Sie hat das ihren Eltern erzählt – und sie haben sich tagelang Gedanken gemacht. Ich konnte das dann auflösen. Aber für meine Enkelin ist es bis heute klar: Gott ist wie Rhabarber.

 

Über welche Fragen sollten wir im Jubiläumsjahr diskutieren?

Für mich spielt die Ökologie eine ganz wichtige Rolle – und die Abwehr der Klimakrise, die wir schon spüren. Viele Flüchtlinge sind heute Klimaflüchtlinge. Viele Menschen haben keinen Ort mehr, an dem sie leben können. Das ist eine globale Gerechtigkeitsfrage. Viele Kinder in Asien gehen heute nur mit Mundschutz in die Schule. Ich fürchte, meine Enkelkinder fragen mich irgendwann: Hast du genug dagegen getan?

 

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge…“

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich 120 Apfelbäume pflanzen. Weil einer heute nicht mehr reicht.

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