Reformationsjubiläum in Bayern
Versöhnung wagen
Else Müller und die Ökumene

Menschen, die Grenzen überwinden und Mauern in Köpfen und Herzen einreißen: Else Müller (1915-87) war eine davon. In Nürnberg aufgewachsen, engagierte sie sich als Jugendleiterin und Ökumenerefentin lebenslang für Versöhnung zwischen Nationen und Konfessionen.

Grundton in Else Müllers Wirken war die Sehnsucht nach der Einheit der Christen. Sie hatte im Zweiten Weltkrieg erlebt, wie Hass und Angst zwischen den Völkern und Nationen herrschten. Als sie ihre Ausbildung zur Jugendreferentin in Berlin absolvierte, lernte sie den Pfarrer Martin Niemöller kennen, der wegen seines Einsatzes gegen das NS-Regime in das KZ kam. Nach dem Krieg schien Versöhnung beinahe unmöglich, zu groß waren die Verletzungen und Gräben. Die junge Frau erlebte dennoch immer wieder, dass Versöhnung da möglich wurde, wo Menschen sich begegneten. Sie berichtet von einem Treffen europäischer Jugendleiter 1947, bei dem die Schuldfrage aufbrach: „In zehnstündigem Ringen wurde der Graben immer breiter, bis spät abends der Weg zur Versöhnung frei war. Alles mündete kurz vor Mitternacht in den Wunsch ein: alles Unverggebbare zu dem hinzubringen, der allein einen Neuanfang setzen kann. So haben wir ein unvergessliches Abendmahl gefeiert, das eine so starke Wirkung hatte, dass wir alle neue Wege zueinander fanden.“

So begann sie, ein Netzwerk an Beziehungen zu knüpfen und zu ermöglichen. Sie rief den europäisch-ökumenischen Studienkurs ins Leben, der bis heute jedes Jahr Menschen unterschiedlicher Konfessionen aus Europa zusammenbringt. Sie initiierte Studien- und Jugendreisen, besonders in Länder, die im Krieg unter Deutschland gelitten hatten. Nach und nach wurden in der ost-west-geteilten Welt auch die Beziehung nach Osteuropa immer wichtiger. Else Müller unterstützte Gemeinden in der DDR genauso wie sie intensive Gespräche mit marxistischen Denkern führte. Ein polnischer Pfarrer schildert die Begegnung: „Ich hatte keine besondere Lust, nähere Bekanntschaft mit Deutschen anzuknüpfen. Die Erlebnisse der Besatzungszeit waren noch zu lebendig in meinem Gedächtnis. Dass dieses Gespräch [mit Else Müller] und das anschließende Zusammensein nicht nur der Anfang einer lebenslangen Freundschaft werden sollte, sondern auch ein Wendepunkt meines Denkens besonders Deutschen gegenüber, hatte ich nicht vermutet. In diesem Augenblick hatte sich die Einstellung „Jeder Deutsche ist ein Feind“ verändetr. Ich gewann eine differenziertere Sichtweise und begann, in jeder Person, unabhängig ihrer Nationalität, den Menschen zu suchen.“

Denn ihr ging es auch immer darum, als Christen in der Welt wirksam zu sein, politisch aktiv zu sein. Die Themen der weltweiten Ökumene brachte sie auf die lokale Ebene: Einsatz gegen die Apartheid, für globale Gerechtigkeit. Auch wenn sie nie von ihrer Kirchenleitung zu ökumenischen Konferenzen entsandt wurde, war ihr Einsatz unermüdlich. „Die Frage, die heute an allen Orten aufbricht, kann vielleicht so formuliert werden: Wie können unsere Gemeinden dem Auftrag Gottes, das Evangelium der Welt weiter zu verkündigen, gerecht werden? Ist die Gemeinde Selbstzweck oder Werkzeug?“

Für Else Müller war die Gemeinde nie Selbstzweck, sondern Werkzeug der Versöhnung. So wurde sie auch eines der ersten Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft, die sich der Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg widmet. Coventry war 1940 von Deutschland bombardiert worden und damit fast ausgelöscht. Auch die Kathedrale der Stadt blieb nur als Ruine zurück. Doch gerade diese Zerstörung wurde zum Versöhnungszeichen: Das Kreuz aus den Nägeln der Ruine wurde bald mit der Bitte um Versöhnung und Vergebung – für alle! – bekannt. Der Leiter der Kathedrale rief in der Weihnachtsbotschaft, nur wenige Monate nach der Zerstörung, dazu auf, dem Hass nicht das letzte Wort zu überlassen, sondern die Welt Christus ähnlicher zu machen.

Versöhnungsgebete gibt es heute jede Woche in den weltweiten Nagelkreuzzentren – und im Sommer auch im Bayerischen Garten in Wittenberg.