Reformationsjubiläum in Bayern
Eine italienische Reformatorin
Lyrik, Schreiben und lernen, statt Garn und Faden

Nicht selten kam es in der Geschichte vor, dass kluge Köpfe aus Angst vor Verfolgung auswanderten oder fliehen mussten. Wie aktuell diese Schicksale heute noch sind, zeigt die Geschichte der Olympia Fulvia Morata.

Olympia wurde 1526 in Ferrara in Norditalien am herzoglichen Hof geboren. Ihr Vater, Fulvio Pellegrino Moretto, war Hoflehrer der beiden Söhne des Herzogs von Ferrara Alfonso I. d’Este. Als überzeugter Humanist und Calvinist lehrte er auch seine Tochter die humanistischen Studien, Literatur und die lateinische Sprache. Olympia erwies sich als Naturtalent. Schon früh war ihr außergewöhnlicher Intellekt bekannt. 1540 wurde sie an den Hof bestellt, um Studiengefährtin und Gesellschafterin von Anne, der Enkelin Alfonsos, zu werden. Sie diskutierte viel und hielt einige Vorlesungen auf Griechisch.

Doch leicht für Olympia war es nicht am Hof von Ferrara. 1545 wurde auch dort die Inquisition eingeführt, drei Jahre später heiratete Anne und zog nach Frankreich und Olympias Vater starb. In dieser Zeit begeisterte sie sich immer mehr für die Religion, vor allem für die Reformation. Sie setzte sich sogar für eine italienische Übersetzung von Luthers „Großem Katechismus“ ein. Ihr Glaube wird bis an ihr Lebensende unerschütterlich bleiben.

Durch ihren Stand und ihre Bildung genoss sie viele Freiheiten. Anders als einige andere Humanistentöchter wurde sie nicht zu der angenehmen Gesellschaft eines Ehemanns ausgebildet, sondern zur Selbstbestimmtheit. Sie heiratete aus Liebe den protestantischen Arzt Andreas Grundler, der ihre Gedanken und Talente hoch schätzte und unterstützte. Auch lehnte sie die traditionelle Frauenrolle ab. „Ich, eine Frau, habe die Wahrzeichen meines Geschlechtes fallen gelassen, Garn, Weberschiffchen, Korb und Faden.“ Ihre Leidenschaften waren die Lyrik, antike Schriften und das Schreiben. Die einzigen Kinder, die sie hervorbringe, sagte sie, seien ihre Gedichte.

Gemeinsam ging das Paar 1551 nach Schweinfurt, in die Heimatstadt von Andreas, wo er als Stadtarzt arbeiten konnte, denn in Italien waren sie wegen ihrer Überzeugungen längst nicht mehr sicher. Olympia würde ihrem Mann überall hin folgen, wenn sie dort mit freiem Gewissen leben könne. So lehnten die beiden auch das Angebot für Andreas auf einen medizinischen Lehrstuhl im katholischen Linz ab. „Jedes Land ist unser Vaterland, solange nicht der römische Ritus von uns verlangt wird“, erklärte sich Olympia. Der Mangel an Religionsfreiheit machte es dem Paar unnötig schwer, ein neues Zuhause zu finden.

Doch auch das protestantische Schweinfurt wurde 1553 im zweiten Markgrafenkrieg besetzt und niedergebrannt. Sie verloren ihr Hab und Gut im Feuer, der Rest wurde ihnen durch raubende Landsknechte genommen. Ihr Weg führte sie nach Heidelberg, wo Andreas an der Universität Professor für Medizin wurde und auch Olympia bekam das Angebot, dort Graecas literas – die griechische Sprache – zu lehren.

Doch soweit kam es leider nicht. Olympia starb am 26. Oktober 1555 an Tuberkulose und den Folgen der Flucht. Auf ihren Tod folgte eine Welle an Nachrufen, die sie als eine der führenden Intellektuellen

bezeichneten. Hätte sie länger gelebt, sie wäre die erste Frau in Deutschland gewesen, die an einer Universität gelehrt hätte. Einige ihrer humanistischen und theologischen Schriften sind bis heute erhalten und lassen nur erahnen, welch zeitlose Denkerin sie einst gewesen sein muss. Olympia stand für ein neues Frauenbild, für fortschrittliches Denken und religiöse Toleranz. Wäre sie Zeit ihres Lebens nicht gerade mit den Gegenteilen konfrontiert worden, ihr Wirkungskreis hätte noch viel mehr Blüten tragen können.

 

Andrea Marsing

Redaktionsmitglied zett

Aus: zett. Zeitung für evangelische Jugendarbeit

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