Reformationsjubiläum in Bayern
Ein Meister der Bildsprache
Regensburg hat dem Reformations-Maler Michael Ostendorfer eine große Ausstellung gewidmet

Sogar passionierte Kunsthistoriker wissen häufig nicht, wer Michael Ostendorfer (1490/96-1559) war, wann er genau gelebt und gewirkt hat. Doch genau darin könnte der Reiz der Regensburger Ausstellung liegen: einen Künstler in den Fokus zu stellen, der in Regensburg erstaunlich gut dokumentiert ist und der einst eine besondere Bedeutung für die Stadt hatte. Stets habe er im Schatten des großen Albrecht Altdorfer gestanden. Ein Revolutionär der Leinwand sei er nicht gewesen, erklärte der Regensburger Kunsthistoriker Christoph Wagner bei der Preview zur Ausstellung. Und trotzdem habe er einen der bedeutendsten Altäre Süddeutschlands geschaffen: den Regensburger Reformationsaltar.

Eines der wichtigsten Exponate in der Ausstellung ist dieser Altar, den Ostendorfer 1554/55 für die Neupfarrkirche in Regensburg geschaffen hat. Der Flügelaltar mit seiner protestantischen Bildsprache gilt als einmalig und zugleich als „Ikone der Reformation“ in Regensburg. Er ist gleichsam das Herzstück der Ausstellung. Ein kongeniales Duo hatte ihn erdacht. Zum einen war dies Nikolaus Gallus, der Superstar der damaligen Theologen. Er kehrte 1553 aus Wittenberg zurück. Zum Superintendenten bestellt, gab er den Altar bei Ostendorfer in Auftrag. „Ostendorfer wiederum zählte aufgrund seiner individuellen und erzählenden Motivgestaltung und wegen seiner Bilderfindungsgabe zur ersten Garde der Künstler der Donauschule“, erklärte Kunsthistoriker Wagner. Seine Fähigkeiten als Porträtist hätten ihn in den Rang eines Meisters gehoben.

Selbstbewusst unterzeichnete Ostendorfer seine Bilder mit den Initialen „M.O.“. Wenngleich, auch dies brachten die Forschungen zur Ausstellung hervor, das als „Selbstporträt“ titulierte Gemälde aller Wahrscheinlichkeit nicht von Ostendorfer stammte, so Wagner.
Ostendorfers Bild-Sprache, seine Bild-Ideen seien damals so außergewöhnlich gewesen, dass man sie in ihrer Wirkung mit modernen „Graphic Novels“ (Bildgeschichten) vergleichen könnte. Ausstellungsmacher Wolfgang Neiser hat dies auf die Idee gebracht, die Ausstellungstexte in Comicform zu präsentieren.

Ein didaktischer Kunstgriff zur Verzahnung von Reformationszeit und Moderne. Ostendorfer, sein Leben und sein Werk seien außerdem maßgeblich von Luthers Wirken beeinflusst gewesen. „Wie überlebt jemand als Künstler, der in eine Zeit der Konfessionalisierung geworfen wird und seine Familie ernähren muss“, auch auf diese Frage gebe die Ausstellung laut Neiser eine Antwort. Der Schirmherr der Ausstellung, Regionalbischof Hans-Martin Weiss, lobte die Ausstellung: „Ohne jede Frage stellt sie in Regensburg einen besonderen kulturellen Höhepunkt im Reformationsjahr dar.“ Mit über 100 Objekten aus staatlichen und privaten Sammlungen zeichnet die Ausstellung das Leben Ostendorfers nach und zeigt, wie die Reformation in der Freien Reichsstadt Fuß fasste.

14 Ölgemälde Ostendorfers sind zu sehen und 23 seiner Grafiken, darunter auch die Holzschnitte und Illustrationen zur Auslegung der Bibel, die er für den katholischen Theologen Johannes Eck geschaffen hat. Regensburger Experten gehen davon aus, dass Ostendorfer spätestens in den 1530er-Jahren protestantisch wurde. „Vieles spricht dafür, dass er unter dem Vorzeichen der Reformation tätig war“, sagte Christoph Wagner. Zumindest aber lege es die Ikonografie seiner Werke nahe.

Ostendorfer habe ganz im lutherischen Sinne nur gezeigt, was der Text vorgegeben habe. „Das aber bis ins Kleinste. Er erfindet keine Nebenschauplätze und setzt bildlich den theologischen Grundsatz ›sola scriptura‹ (allein durch die Schrift) im Bild um“, erklärte Ausstellungsmacher Neiser. Diese Art der Herausbildung einer völlig neuen Ikonografie sei als eine der wesentlichen Leistungen Ostendorfers anzusehen.

Interaktive Stationen wie Hologramme der Neupfarrkirche oder animierte Erläuterungen zum Reformationsaltar sowie Virtual-Reality-Headsets zur Entwicklung des Neupfarrplatzes nach dem Pogrom von 1519 ermöglichen ein tieferes Einsteigen in Ostendorfers Welt. Des Weiteren ist Musik aus seinerZeit zu hören. Repräsentative Objekte wie Kelche, Prunkgefäße und Briefe, darunter auch solche aus Luthers Hand, dokumentieren das protestantische Selbstverständnis Regensburgs, das sich inmitten dieses Prozesses der Konfessionalisierung allmählich, dann aber klar und überzeugend herausgebildet habe.

Gabriele Ingenthron (epd)

Bild © Andreas by pixelio

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