Reformationsjubiläum in Bayern
Donnern und Schnurren
14. Oktober 1518: Martin Luther vor Kardinal Cajetan

Es hat sich eingebürgert, den Beginn der Reformation mit Luthers Thesenanschlag zu datieren. Doch es gibt einen weiteren Moment im Leben des Reformators von ungeheurer Tragweite. Denn erst im letzten Gespräch mit Kardinal Thomas Cajetan (1469-1534) am 14. Oktober 1518 trennte sich Luther unwiderruflich von der Alten Kirche.

Als Luther im Herbst 1518 gen Augsburg fuhr, um sich von dem päpstlichen Abgesandten verhören zu lassen, ging es ihm schlecht. Die lange Reise hatte ihn geschwächt, Angst und Zweifel über die Richtigkeit des von ihm eingeschlagenen Weges nagten an ihm. Das Schicksal von Johannes Hus stand ihm vor Augen, den man, ebenfalls unter Zusicherung freien Geleits, ob dessen ketzerischer Thesen nach Konstanz einbestellt und dann bei lebendigem Leib verbrannt hatte.

„Ich fürchtete mich sehr. Mein Gefühl war: Nun muss ich sterben“, erinnerte sich Luther später. Immerhin hatte sein Kurfürst Friedrich der Weise herausgehandelt, dass das Verhör nicht, wie vorgesehen, in Rom, sondern in Augsburg stattfand – und zwar erst nach Abschluss des Reichstages.

Am 7. Oktober kommt Luther durch das Wertachbrucker Tor in Augsburg an – ein Häuflein Elend in zerlumpten Kleidern, das wegen einer Magenverstimmung auf einem Karren gefahren werden muss. Die Karmeliter um Johannes Frosch, den Prior von St. Anna, päppeln den Wittenberger Gast erst einige Tage lang auf, bevor sie ihn zu Cajetan lassen. Am Dienstag, 12. Oktober, ist es soweit: Im Fuggerhaus wirft sich Luther in seiner aus Nürnberg geliehenen Kutte dreimal vor Cajetan zu Boden und wird von diesem dreimal aufgefordert, wieder aufzustehen. Nun ist unmissverständlich klar, dass hier kein Fachgespräch unter Theologen stattfindet, sondern ein Verhör in einer klar definierten hierarchischen Rollenverteilung.

Cajetan, vormals Ordensgeneral der Dominikaner und päpstlicher Nuntius, gilt als einer der brillantesten Theologen seiner Zeit. Er lässt sich widerstrebend tatsächlich auf eine theologische Diskussion mit dem deutschen Mönch ein, wobei aber bald klar ist, dass zwischen beiden Gesprächspartnern keine Einigkeit hergestellt werden kann. Luther verwirft die kirchliche Ablasspraxis, weil die Bibel dafür keine Grundlage biete; Cajetan beruft sich auf die 175 Jahre alte päpstliche Bulle „Unigenitus“ von Clemens VI., in der der Ablasshandel geregelt ist. Hier die Bibel, dort die Tradition und das päpstliche Wort – die Fronten stehen. „Lieber will ich zugrunde gehen als widerrufen“ denkt sich Luther, erbittet sich aber auf Cajetans wiederholte Aufforderung zum Widerruf eine Bedenkzeit von 24 Stunden, vermutlich auf Drängen seiner Berater.

Tags darauf erwirkt er von Cajetan die Erlaubnis, eine schriftliche Rechtfertigung seiner Position übergeben zu dürfen, die er in seinem Quartier bei St. Anna zu Papier bringt und dem Kardinal am 14. Oktober im Rahmen des dritten Treffens übergibt. Der Moment der Entscheidung ist gekommen.

Denn nun platzt Cajetan der Kragen. Er wirft Luthers Schrift fort und wechselt die Tonlage – von väterlich zu autoritär. Cajetan schreit, Luther schreit zurück. Cajetan, so erinnert sich später Luther, „donnert, schnurrt allwege, hat die Gewalt und herrscht allein“. Schließlich poltert der Kardinal: „Bruder, gestern warst du ganz vernünftig, heute bist du völlig verrückt!“ und fordert ultimativ Luthers Widerruf, bekommt ihn aber nicht. Diesen Moment hat der große Luther-Biograph Richard Friedenthal als den eigentlichen Beginn der Reformation beschrieben: „Widerrufe! rief Cajetan nochmals, als Luther sich schon zum Gehen wandte. Und dieser Augenblick, allen Beteiligten damals noch unbewusst, war der Bruch Luthers mit der Kirche, der Kirche mit Luther.“

Dass aus den beiden Kontrahenten keine besten Freunde mehr werden, kann man auch aus den nachfolgenden wechselseitigen Verbalinjurien ablesen. Cajetan will mit „dieser Bestie“ nicht mehr reden, „denn er hat tiefliegende Auge und wunderliche Spekulationen im Kopf“. Luther wiederum hält den Kardinal für „keinen klaren christlichen Denker“ und für derlei Dispute daher ebenso geeignet „wie den Esel zum Harfenspiel“.

Zwei Tage später unterschreibt Luther eine Berufungsschrift an den Papst, die eine gute Woche später am Domportal angeschlagen wird. Da hat er die Stadt längst verlassen – des Nächtens, heimlich und durch eine kleine Pforte in der Stadtmauer, denn nach dem verheerenden Ausgang des Verhörs ist er in der Stadt nicht mehr sicher. Ob die Flucht über das Gallusbergle („Da hinab“) und das Stephinger Tor geschah, wie eine mündliche Überlieferung besagt, ist nicht bewiesen.

Thomas Greif

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