Reformationsjubiläum in Bayern
Die verpasste Chance
3.10.1529: Das Scheitern des Marburger Religionsgesprächs

Die Reformation, so wissen wir, brachte eine große Vielfalt an theologischen Richtungen und Konfessionskulturen hervor. Doch es hätte auch ganz anders kommen können. Für einen historischen Moment war die Einigung auf ein reformatorisches Bekenntnis in Sichtweite. Doch die Chance wurde vertan, am 3. Oktober 1529 in Marburg.

Nach dem Eklat beim Reichstag von Speyer verstanden die klugen Köpfe im Lager der Evangelischen, dass aus der „causa Lutheri“ ein Konflikt von unabsehbarer politischer Tragweite erwuchs. Es empfahl sich, vor künftigen Auseinandersetzungen erstmal die eigenen Reihen zu schließen – politisch und theologisch.

Am klarsten hat das der hessische Landgraf Philipp (1504-1567) erkannt. Er nimmt sich vor, die reformatorisch gesinnten Reichsstände von Zürich – die Schweiz gehörte ja noch zum Heiligen Römischen Reich – bis Braunschweig zu einen. Dazu müssen zunächst die theologischen Differenzen zwischen den Wittenbergern um Luther, dem Zürcher Reformator  Huldrych Zwingli und den „Oberdeutschen“ in Schwaben und dem Elsass, die zwischen beiden Richtungen schwanken, ausgeräumt werden. Kernfrage ist die evangelische Abendmahlsauffassung. Luther beharrt auf der Realpräsenz Christi: Durch sein Gebot werde das leibliche Essen zu einem geistlichen Geschehen. Für Zwingli ist das Abendmahl eine Erinnerungshandlung.

Luther hat gar keine Lust, über diese Dinge zu diskutieren, die für ihn nicht verhandelbar sind. Auf sanften Druck seines Kurfürsten willigt er schließlich ein, eine von Philipp in Marburg anberaumte Disputation zu besuchen. Vorher lässt er aber die Wittenberger Position noch einmal haarklein zusammenfassen in den „Schwabacher Artikeln“ vom Juli 1529.

Am 27. September treffen die ersten Diskutanten auf dem Marburger Schloss ein: Es sind die Gesandten aus der Schweiz und Straßburg, darunter Zwingli und Martin Bucer. Drei Tage später erscheint auch Luther in Begleitung von Philipp Melanchthon.

Am Donnerstag, 2. Oktober, beginnt in einem Privatzimmer des Landgrafen vor einer kleinen Öffentlichkeit die eigentliche Disputation. Philipp persönlich nimmt an allen Gesprächen teil. Erst im Laufe dieses Tages treffen verspätet die süddeutschen Lutheraner ein, darunter Andreas Osiander aus Nürnberg und Johannes Brenz aus Schwäbisch Hall.

Von den Unterredungen gibt es kein Protokoll. Doch der Theologe Walther Köhler hat 1929 aus den zahlreichen Briefen und Akten den Gesprächsverlauf einigermaßen rekonstruiert.  Nach der Begrüßung durch den hessischen Kanzler Johann Feige um sechs Uhr morgens spricht als erster Luther. Und schon nach seinen ersten Sätzen, in denen er seine Motivation schildert, nach Marburg zu kommen, ist eigentlich klar, dass es keine Einigung geben kann: „Nicht als wollte ich meine Meinung ändern, die felsenfest bei mir steht, doch will ich den Grund meines Glaubens darbringen und zeigen, wo die anderen irren.“

Am biblischen Wort „Das ist mein Leib“, argumentiert Luther, führe kein Weg vorbei.Und man soll ihm bloß nicht mit Vernunft kommen: „Fleischliche Beweise, mathematische Haarspaltereien verwerfe ich gänzlich.“   Er schreibt den Satz mit Kreide auf den Tisch und legt eine Samtdecke darüber. Es ist seine Grenzlinie, die er nicht überschreiten wird.

Die Gegenrede führt zunächst Johannes Oekolampad aus Basel, dann Zwingli selbst. Es lasse sich aus der Schrift ableiten, dass es beim Abendmahl um ein Zeichen gehe: Das Sakrament habe nur „eine innerliche Bedeutung“.

Luther: Nein.

Zwingli: Doch.

Luther: Nein.

Zwingli: Doch.

Und so fort.

Nach zwei Debattentagen ist klar: Das wird nichts mehr. Der Landgraf drängt Luther, wenigstens alle Dinge, über die Einigkeit besteht, zu protokollieren. 14 Artikel können beide Seiten mit reinem Gewissen unterschreiben. Auch beim Abendmahl gibt es Gemeinsamkeiten – die Verwerfung der Messe oder das Verständnis als „Sakrament des wahren Leibes und Blutes Jesu Christi“. Dann kommt der entscheidende Satz: „Ob der war Leib und Blut Christi leiblich ym brot und wein sey hat man sich dieser zeyt nicht vergleicht“.

Weil in der Stadt der „Englische Schweiß“, eine hochansteckende Seuche, ausgebrochen ist, verlassen alle Teilnehmer einschließlich des Landgrafen Marburg schon am nächsten Tag in großer Eile. Damit ist die Einigung endgültig gescheitert. In Europa entwickeln sich neben zahlreichen Splittergruppen zwei große reformatorische Bewegungen – die Lutheraner und die Reformierten.  Immerhin: Wirklich hat es seit Marburg solche scharfen Streitschriften wie ehedem auf der ganzen Front beiderseitig nicht mehr gegeben“, konstatiert Marburg-Experte Köhler: „Gezänke war einfach nicht mehr nötig, man hatte sich ja ausgesprochen und wusste, woran man war.“

Aber  es dauerte noch 444 Jahre, bis beide Seiten offiziell feststellten, dass die unterschiedlichen Abendmahlsauffassungen  eigentlich nicht erheblich sind.

Thomas Greif

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