Reformationsjubiläum in Bayern
Eine Geschichte über den Reformator Jan Hus
Eine Geschichte über den Reformator Jan Hus

Schon vor der lutherischen Reformation im 16. Jahrhundert gab es eine Bewegung, von der heute als „Die Reformation vor der Reformation“ gesprochen wird.

Spärlich leuchtete das Licht der Fackel die kleine Zelle aus, warf Schatten durch den Raum und verlor sich, bevor es in die Ecken vordringen konnte. Hus saß auf dem Boden des Kerkers und fühlte, wie die Kälte langsam in seine Knochen kroch. Er war wütend. Wütend auf Kaiser Sigismund, der ihm freies Geleit gewährt hatte und dieses Versprechen brach. Wütend auf das Konzil, das nach Lösungen für seine innerkirchlichen Probleme suchte, aber keine Reformen wollte. Aber vor allem war er wütend auf sich selbst, dass er so naiv gewesen war, der Einladung des Konzils zu folgen.

Das Konzil in Konstanz von 1414 bis 1418 wollte die Spaltung innerhalb der römisch-katholischen Kirche aufhalten und eine Kirchenreform durchführen. Er hatte wirklich geglaubt, durch seine Kritik etwas beitragen zu können.  Doch er hatte schlechte Karten, er galt als ein Ketzer. Hus lehnte sich an die grobverputzte Wand und ließ sein Leben an sich vorüberziehen.

Im Jahre 1370 wurde Jan Hus im südböhmischen Husinec geboren. Sein Leben war geprägt von den Standesunterschieden zwischen dem deutschsprachigen Adel und der tschechischen Bevölkerung, die sich durch ihre Herren weder repräsentiert noch respektiert fühlte. Im Alter von 20 Jahren studierte Hus an der Universität in Prag Theologie und Philosophie, promovierte zum Magister und legte 1400 die Priesterweihe ab.

Während dieser Zeit wurde er als tschechischer Volksprediger berühmt. Er stellte die herrschende Ordnung innerhalb der Kirche und dem Staat in Frage. Viele Ansichten teilte er dabei mit dem englischen Theologen Wycliff. So zum Beispiel, dass in Glaubensfragen weder die Kirche noch ihre Kirchenmänner die Autorität besaßen, Lösungen und Vorschriften zu machen, sondern nur die Bibel. Er vertrat auch die Prädestinationslehre, dass das Schicksal des Menschen von Gott vorherbestimmt ist. Somit konnte sich niemand der göttlichen Gnade sicher sein – selbst der Papst nicht. Sowieso entsprach der Zustand des Papsttums mit seinen Affären und Reichtümern nicht der christlichen Lehre. Nur ein armer und demütiger Papst könne nach Jan Hus der wahre Nachfolger Petri sein. Auch den Ablass verdammte er in seiner Schrift Questio de indulgentis (die Frage der Gnade) 1412 und setzte sich für eine Rückbesinnung der Kirche auf die christlichen Lehren ein.

Er forderte, dass Böhmen nicht länger unter der Herrschaft des deutschen Kaisers und des Königs von Böhmen zu stehen habe, sondern vom tschechischen Volk regiert werden sollte. Auch sollte die Bevölkerung in der Öffentlichkeit die tschechische Nationalsprache sprechen und die Predigt auf Tschechisch hören dürfen. Jan Hus übersetzte in diesem Sinne die Evangelien in seine Muttersprache.

Während er für seine Überzeugungen vom Volk gefeiert wurde, machte er sich bei den kirchlichen und staatlichen Oberhäuptern Feinde. 1408 verbot ihm der Prager Erzbischof die Predigt, zwei Jahre später folgte der Kirchenbann. 1412 verließ Jan Hus Prag und fand Zuflucht auf den Burgen seiner wenigen böhmischen Mitstreiter.

Doch selbst deren Unterstützung konnte er sich anscheinend nicht sicher sein, dachte Jan Hus, als er sich wieder allein in seiner Zelle fand, sonst wäre er nicht zu diesem Konzil gegangen und wäre nicht als Häretiker verurteilt worden. Morgen, am 6. Juli 1415 soll er auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden…

Auf Jan Hus‘ Tod folgte ein entfesselter Kirchenstreit in Prag. Die Hussiten bildeten sich als eigene religiöse Gruppe heraus, welche die katholischen Landesherren in den Hussitenkriegen von 1419 bis 1436 zu bekämpfen versuchten. Diese Ereignisse rund um Jan Hus werden heute als die „Reformation vor der (lutherischen) Reformation“ bezeichnet. Luther selbst sagte einst, nachdem er die Lehren von Jan Hus studiert hatte: „Wir sind alle Hussiten, ohne es gewusst zu haben.“

 

Andrea Marsing

zett-Redaktionsmitglied