Reformationsjubiläum in Bayern
„Die Heilige Schrift hat niemand genug ...
... geschmeckt“ so fängt eines von Martin Luthers vielen Zitaten an.

An sich schon eine abstrakte Vorstellung, aber was hat Luther damit gemeint?

Martin Luther. Viele kennen ihn – und noch mehr werden es sein, wenn der Auftakt zum Lutherjahr 2017 beginnt. Der große Reformator. Der Gelehrte, der den Katechismus schrieb. Der Bibelübersetzer. Derjenige, der eher aus Versehen eine neue Kirche gründete.

Ausgerechnet er fängt einen Satz damit an, dass es niemanden gibt, der die Bibel genug ‚geschmeckt‘ hat. Niemand hat das Bibelbrot jemals ganz gekostet und genossen.

Dabei müsste man doch denken, dass gerade Luther sämtliche Facetten der Bibel ausgereizt hat, als er sie aus dem Griechischen und Hebräischen ins Deutsche übersetzte. Gerade er hat durch sein „Aufs-Maul-Schauen“ die Gedanken und Ansichten der Menschen wie ein Schwamm aufgesogen, bevor er seine Erkenntnisse in den Bibeltext mit einbackte.

Wie kann es sein, dass der große Wort-Versteher das Wort auch als ganz und gar unverständlich empfand?

Worauf Luther hinaus wollte, verstehen wir, wenn wir das Zitat weiterlesen: „Die Heilige Schrift hat niemand genug geschmeckt, er habe denn hundert Jahre lang mit den Propheten, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert.“

Die Bibel voll und ganz auszukosten ist also ein Ding der Unmöglichkeit. Für keinen Gläubigen ganz und gar zugänglich. Auch wenn wir versuchen, uns in jemanden oder speziell in das Wort ganz hineinzuversetzen: Es bleibt doch ein Versuch. Auch für Luther.

Wie ist das Wort zu verstehen? Was bedeuten die verschiedenen Gleichnisse? Gibt es nur eine Bedeutung?

Auch wenn Luther kein Prophet oder Apostel war, so war er dem Bibeltext doch näher, als manch anderer zur damaligen Zeit. Und selbst er, der für seine Übersetzung das Wort mehr als nur verstanden haben musste, konnte die komplexe Fülle nicht erfassen. Das unendliche Bankett, das Gott uns in seinem Wort gegeben hat, kann nie ganz probiert und genossen, eben „geschmeckt“ werden.

Hätte Luther wie die Apostel, Propheten und wie Jesus Ratschläge an die Gemeinden geben können, er hätte sie im Nachhinein sicher nicht bereut – und nicht ungewollt einen blutigen Bauernkrieg verursacht.

Doch Luther resigniert nicht. Er erkennt, dass die Bibel zu groß, zu vielseitig und vielschichtig ist, als dass man sie mit seinen eigenen Maßstäben messen und verstehen könnte. Sie lässt sich keiner einzigen Zeit, keiner einzigen Linie und keiner einzigen Schablone zuordnen.

„Die Bibel ist weder antik, noch ist sie modern. Sie ist ewig.“

Ein weiteres Lutherzitat.

Und ja, die Bibel kann nicht nur antik, nicht nur modern sein. Sie ist durch die Zeit entstanden und wird von Zeit zu Zeit anders verstanden.

So wie wir die Bedeutung der Bibel nie ganz erfassen können, so können es auch ihre Ausleger wie Luther nicht.

Seine persönlichen Kontraste zwischen Mittelalter und Moderne, Offenheit und Diskriminierung, Weitsicht und Kleinkariertheit sind Dinge, die an ihm genauso euphorisch gefeiert, wie heftig kritisiert wurden und werden.

Wir sollten nicht vergessen, dass trotz allem Luther auch nur ein Mensch war – und Fehler machte. Seiner Zeit sowohl überlegen mit seinem reformatorischen Denken, als auch verhaftet durch die Konventionen des Mittelalters. So wie er von sich selbst behauptet, nicht alles wissen zu können, so sollten wir diesen Anspruch auch nicht an ihn stellen, und uns eher selbst ein unbefangeneres Bild machen – sowohl von der Bibel, als auch von ihm.

 

Andrea Marsing

Redaktionsmitglied zett

Aus: zett. Zeitung für evangelische Jugendarbeit