Reformationsjubiläum in Bayern
„Aus dem Wagen gerissen“
4. Mai 1521: Luthers Entführung auf die Wartburg

Einige Jahre lang stand Martin Luther im Brennpunkt der deutschen und europäischen Geschichte. Die dramatischen Wendepunkte seines Lebens sind immer auch untrennbar verknüpft mit dem Fortgang der Reformation. So ist es auch mit seiner fingierten Entführung auf die Wartburg am 4. Mai 1521.

Denn der lange geheim gehaltene Aufenthalt des Reformators sorgte nicht nur für eine gewisse Beruhigung der hitzig diskutierten „causa Luther“ nach dem Wormser Reichstag und der Verhängung der Reichsacht über den Mönch aus Wittenberg – bis heute ist es ein probates Mittel gesellschaftlicher Akteure, in Krisensituationen von der Bildfläche zu verschwinden. Vor allem aber hatte Luther in den kommenden Monaten Zeit für seine wirkmächtigste kulturelle Tat – die Übersetzung des Neuen Testamentes ins Deutsche, womit er, quasi en passant, die moderne deutsche Hochsprache begründete.

Luther verließ Worms am 21. April 1521. Kaiser Karl V. sagte ihm 21 Tage freies Geleit zu, danach musste er sich als vogelfrei betrachten. Den Plan, Luther auf der Heimreise zum Schein zu überfallen und an einen geheimen Ort zu verbringen, hatte die sächsische Delegation um Kurfürst Friedrich den Weisen schon in Worms ausgeheckt.

Luther ist eingeweiht und erwartet den Übergriff, nachdem er seinen Onkel Heinz Luther und seine steinalte Großmutter in Möhra bei Eisenach besucht hat. Es ist Samstag, der 4. Mai 1521.Es gibt einen zeitgenössischen Bericht über das Ereignis: Er stammt von dem Eisenacher Kanonikus Johannes König, der sich wiederum auf Heinz Luther beruft. Demnach habe Martin Luther nach dem Besuch in Möhra das Schloss Altenstein passiert, dessen Burgherr ihm Geleitschutz mit auf den Weg gab. Dieser sei aber bei der Wüstung Glasbach unversehends umgekehrt. Dann plötzlich „…sein funff reißigen kommen und uber den wagen gerandt und ine allein uß dem wagen uff dem walde gerissen, und neben den pferden im walde hat er mussen lauffen haben mit…“. Die Szenerie ist bestes Action-Kino: Fünf Reiter sprengen aus dem Unterholz auf den Wagen zu, entreißen Luther brutal der kleinen Reisegesellschaft und treiben ihn vom Pferd aus ins Ungewisse…Und Klappe!

Der Altensteiner Pfarrer Johannes Conrad Ortmann bezifferte die Uhrzeit des Geschehens im 19. Jahrhundert unter Bezugnahme auf lokale Überlieferungen auf „nachmittags zwischen vier und fünf“. Seine Schilderung klingt weit weniger filmreif: Demnach habe sich Luther im Schatten einer Buche niedergelassen und aus einem Brunnen getrunken, als der Altensteiner Burghauptmann Hans von Berlepsch dazugestoßen sei, Luther Zivilkleidung übergeben und ihn schließlich gen Wartburg verbracht habe, wo Luther etwa eine Stunde vor Mitternacht eintraf. „Das Spektakel hatte man hauptsächlich für den Fuhrmann und die beiden Begleiter aufgeführt, die es in die Öffentlichkeit bringen sollten,“ schreibt Joachim Köhler in seiner neuen Luther-Biographie. Alles, „samt Drohgebärden und wilden Flüchen“, sei nur Komödie gewesen.

Luther selbst hat sich nur spärlich geäußert: „Ego prope post arcem Altenstein captus sum“ schrieb er in einem Brief („Bald darauf wurde ich in der Nähe von Schloß Altenstein gefangen genommen“). Als „Junker Jörg“ machte er sich auf der Wartburg an die Bibelübersetzung, bis er nach gut einem Jahr nach Wittenberg zurückkehrte, um dort mit seinen berühmten „Invocavitpredigten“ für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Ortmanns Interesse, die Rolle von Buche und Brunnen zu betonen, erklärt sich aus dem Anlass seiner Forschungen. Denn der längst sagenumwobene Baum war am 18. Juli 1841 von einem Sturm gefällt worden.  Das Holz, das neun Tage später, nach einer ergreifenden Festrede des Pfarrers, abtransportiert wurde, diente zur Produktion von allerlei Luther-Devotionalien – Stöcke und Becher, Stühle und Serviettenbänder, Lineale und Statuetten. Halb Europa versorgte sich mit Thüringer Luther-Holz. „Sogar einige Katholiken haben sich Andenken von der Lutherbuche erbeten“, versicherte Ortmann.

Der Ortspfarrer verteidigte die Praxis gegen den Vorwurf des Reliquienkultes: „Die Werkstücke aus dem Holz der Lutherbuche sind nur zum Andenken an einen lieben Menschen gedacht und nicht um diese anzubeten oder gar magische Wundertätigkeiten bei Berührung zu erwarten.“ Ortmann machte jedenfalls mit der Aktion ein hübsches Sümmchen Geld, das er für seine Steinbacher Kirche verwendete. Bis heute sind im Wittenberger Lutherhaus einige Arbeiten aus der Altensteiner Produktion zu sehen.

Herzog Bernhard zu Sachsen-Meiningen ließ an der Stelle der einstigen Lutherbuche 1857 ein Denkmal errichten. Auf der Westseite findet sich die Inschrift: „Hier wurde Dr. Martin Luther am 4. Mai 1521 auf Befehl Friedrichs des Weisen, Kurfürst von Sachsen, aufgehoben und nach Schloss Wartburg geführt.“

Thomas Greif

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