Reformationsjubiläum in Bayern
Als Weltbilder ins Wanken gerieten
Landesausstellung Coburg

Im Viertelstundentakt schlägt der Knochenmann zu. Im Inneren der Holzskulptur rumpelt die Mechanik, wenn das Gerippe zum Schlag auf den Löwenkopf ausholt und eine kleine Glocke erklingen lässt. Die 500 Jahre alte Originalfigur zierte einst eine Schlaguhr im Kloster Heilsbronn, wo sie die seit dem Mittelalter weit verbreitete Mahnung „memento mori“ (frei übersetzt „bedenke, dass du sterben musst“) und die Sorge um das Seelenheil recht anschaulich verkörperte. Die mannshohe Replik empfängt jetzt die Besucher in einem Saal der Veste Coburg, der sich dem Ausgangspunkt der Reformation widmet: Weil ihm der Handel mit Ablassbriefen zur Vergebung weltlicher Sünden unerträglich wurde, prangerte Martin Luther mit seinen 95 Thesen diese Missstände öffentlich an und leitete damit den bislang größten Umbruch in Kirche, Politik und Gesellschaft Mitteleuropas ein.

„Ritter, Bauern, Lutheraner“ ist der Titel der Bayerischen Landesausstellung, die als „zentraler Beitrag“ des Freistaats zum 500. Reformationsjubiläum beworben wird. Die Überschrift ist programmatisch: Denn das federführende Haus der Bayerischen Geschichte hat sich zusammen mit seinen Partnern zur Aufgabe gemacht, den Blick auf die Epoche der Reformationszeit zu weiten. Die Ausstellungsmacher wollten ein breites Panorama des Lebens auf dem Land, in der Stadt, in den Klöstern und in den Ritterburgen entfalten, wie es schon in ersten Ankündigungen hieß. Mittel- und Süddeutschland stehen dabei im Focus, denn laut Kurator Peter Wolf „spielte damals hier die Musik“.

Um einem breiten Publikum dieses komplexe Thema „mit einem roten Faden klar zu vermitteln“, habe es bei der Vorbereitung der Ausstellung eine ungewöhnlich vielfältige Abstimmung mit Wissenschaftlern gegeben, sagte Projektleiter Wolf dem Evangelischen Pressedienst (epd). So hätten sich die Historiker und Kunsthistoriker oft mit theologischen Experten beraten, etwa um einen „falschen Zungenschlag“ in Begleittexten zu vermeiden. Tatsächlich war die Welt um das Jahr 1500 bereits in Bewegung, noch bevor Martin Luther auf der Bildfläche erschien.

„Die Säulen der Welt“, wie sie im ersten Raum der Ausstellung, der Steinernen Kemenate, beschrieben werden, gründeten noch auf Gott und der Gemeinschaft der Kirche. Doch die Entdeckung Amerikas, das kopernikanische Weltbild oder der Buchdruck wurde zu Elementen der gesellschaftlichen und politischen Revolution. Nicht von ungefähr gesellen sich deshalb auch damals neu erfundene technische Apparate zu historischen Dokumenten, Kunstgegenständen oder Gemälden.

Während Handel und Wirtschaft vor allem in den Städten einen Boom erlebten (hübsch illustriert mit einer Darstellung einer Marktszene auf dem Augsburger Perlachplatz), sich Ritter in prächtigen Rüstungen Turniere lieferten, fürchteten die frommen Bürger zunehmend um ihr Seelenheil. Dass vermeintlich gottgefällige Werke auf Erden dazu nicht beitragen würden, sondern „allein der Glaube“ an Christus die Menschen von der Sünde befreie, wie es Luther formulierte, war deshalb einer der großen Gedanken, die das alte Weltbild nachhaltig erschütterten. Manche dieser Gedanken werden in Coburg im übertragenen Sinn sogar zum Leben erweckt: An einer Spiegelwand der Lutherstube entstehen quasi aus dem Nichts Zitate aus Schriften, die der Reformator während seines Aufenthalts auf der Veste niederschrieb.

Die Reformation und ihre Folgen: Exemplarisch führt die Coburger Zeitreise beispielsweise zur „Confessio Augustana“, die 1530 als eine Art „evangelisches Grundgesetz“ dem Reichstag in Augsburg übergeben wurde, oder zum erbitterten konfessionellen Streit, der zuerst in polemischen Flugblättern, später in blutigen Kriegen ausgefochten wurde. Der Bogen spannt sich bis ins 20. Jahrhundert, als die Nationalsozialisten auch in Coburg die evangelische Kirche für ihre Zwecke instrumentalisierten.

Rund 250 Leihgaben aus aller Welt wurden für die Landesausstellung zusammengetragen, darunter eine wertvolle Plastik aus dem Louvre in Paris, eine Prachtrüstung aus dem Kunsthistorischen Museum Wien oder der 1591 entstandene „Amberger Liedertisch“, der mit einem in die Tischplatte eingelassenen lutherischen Choral eines der ungewöhnlichsten Bekenntnisse zum Protestantismus darstellt. Nach rund 100 Jahren haben die Kunstsammlungen der Veste Coburg das vielleicht originellste Schaustück der Ausstellung erstmals wieder ans Tageslicht geholt: Das Kopfteil des sogenannten Lutherbettes, aus dessen Holz sich einst Luther-„Wallfahrer“ kleine Späne schnitzten, die gegen Zahnschmerzen helfen sollten. Ein Irrglaube im doppelten Sinn: Nicht nur, weil sich die evangelische Kirche von jeher gegen Reliquienverehrung sträubte, sondern weil Luther nachweislich nie in jenem Bett geschlafen hatte – es stammt wahrscheinlich aus dem 17. Jahrhundert.

Coburg gilt neben Augsburg als die bedeutendste bayerische Lutherstadt. Auf der Veste lebte Martin Luther im Jahr 1530 mehrere Monate lang, verfasste mehrere Traktate und predigte mehrfach in der Stadtkirche St. Moriz. Dort ist neben der Schau auf der Veste eine Begleitausstellung zu sehen, die sich ebenfalls nicht auf die Zeit Luthers beschränkt. Sakrale Architektur, gottesdienstliches
und kirchenmusikalisches Leben sind einige der Schwerpunktthemen. Nicht zuletzt sollen „aktuelle Fragen zum Reformationsjubiläum beantwortet werden, die aus Diskussionen im Rahmen der Luther-Dekade hervorgegangen sind“, wie es in einer Ankündigung heißt.

Eine Video vom BR zu diesem Thema finden Sie hier

Von Wolfgang Lammel (epd)

Bild © Gerhard Kupfer by pixelio