Reformationsjubiläum in Bayern
Als die Evangelischen die Stadt verließen
Wandeltheater thematisiert Reformation und Gegenreformation in Unterfranken

Silvia Kirchhof hat in der Kindheit noch die letzten Reste konfessioneller Trennung erlebt. „Die evangelischen Kinder und Jugendlichen waren in ihren Gruppen und Vereinen, die katholischen in ihren“, erinnert sich die Theater-Macherin aus dem unterfränkischen Gerolzhofen. Es habe zwar kein „Mit denen hast Du nichts zu schaffen!“ mehr gegeben, sagt sie. Es waren trotzdem irgendwie zwei Welten. Deren Wurzeln ergründet sie als Gründerin und Leiterin des „Kleinen Stadttheaters“ Gerolzhofen intensiv. Seit Monaten erarbeitet sie mit Laien und Profis ein extra geschriebenesWandeltheater-Stück. „Du musst dran glauben“ hat Ende Mai Premiere.

Das Hin und Her von Reformation und Gegenreformation im 16. und frühen 17. Jahrhundert hat viele Landstriche in Deutschland geprägt. Doch nur in wenigen Orten hat alles so brennglasartig stattgefunden wie im unterfränkischen Gerolzhofen. Nur ein paar Jahre nach Luthers legendären Thesenanschlag von 1517 breitete sich die „neue Lehre“ in Gerolzhofen schnell aus, Mitte des 16. Jahrhunderts war die Mehrheit der Stadt evangelisch. Bis der Würzburger Fürstbischof Julius Echter im Jahr 1586 die Gegenreformation startete: Die überwiegende Mehrheit der Bewohner wurde wieder katholisch oder verließ die kleine Stadt.

Im Mittelpunkt des Stücks stehen zwei benachbarte Familien, die dem neuen Glauben angehören. Während die einen auf Druck Echters sich wieder zum Katholizismus bekehren lassen, verlässt die andere Familie ihre Heimatstadt Gerolzhofen, um evangelisch bleiben zu dürfen. Diese Exulanten-Geschichte dürfte exemplarisch für Abertausende Schicksale der damaligen Zeit sein. Geschrieben haben das Stück die Würzburger Autoren Christine Weisner und Roman Rausch, die historischen Fakten für das Gerolzhöfer Stück haben der Wertheimer Archivar Robert Meier und der Würzburger Mittelalterhistoriker Rainer Leng recherchiert.

Zwischen 20 und 30 Prozent der Gerolzhöfer verließen im Zuge der Gegenreformation Echters ihre Stadt. Doch nicht nur Reformator Martin Luther (1483-1546) und Echters Gegenreformation sind ein Thema des Wandeltheaters – auch die Hexenverfolgungen, die unter Echter, und noch mehr unter seinem Nachfolger Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg stattfanden, sorgten für Angst und Schrecken. Das Städtchen Gerolzhofen war ein Hauptgerichtsplatz zur damaligen Zeit, alleine zwischen 1615 und 1619 wurden dort 261 Personen wegen Hexerei hingerichtet. Viele starben jedoch vorher an der Folter im Centgefängnis und im Hexenturm.

Das Wandeltheater – Uraufführung ist am 24. Juni, Dernière am 5. Juni – startet gleichzeitig mit jeweils rund 100 Zuschauern an vier historischen Plätzen: Der katholischen Stadtpfarrkirche am Markt, der unweit davon gelegenen Spitalkirche, der Echtervogtei und der etwas außerhalb des Stadtkerns gelegenen evangelischen Erlöserkirche. Die Szenen dort sind alle etwa 20 Minuten lang, anschießend rotieren die Gruppen von einer zur nächsten Station. „Auf dem Weg begleiten sie historische Figuren, zum Beispiel Tratschweiber sowie Bettler und Stadtdamen“, sagt Silvia Kirchhof. Am Schluss treffen sich alle zum „Finale“ im Spitalgarten.

Insgesamt besteht das Stück also aus neun Theaterszenen, das ganze dauert etwa drei Stunden. Thematisch kreist das Stück um die damaligen Missstände in der Kirche, um die von Luther angestoßene Reformation, die Echter’sche Gegenreformation sowie Sozialreform, in deren Zuge an vielen Orten Bürgerspitäler entstanden – und die Hexenprozesse; seine Zeitspanne reicht von 1520 bis 1616. Für die vielen Gerolzhöfer, die als Laienschauspieler mitwirken, hat das ganze einen besonderen Tiefgang, sagt Theaterchefin
Kirchhof: „Das Stück regt zum Nachdenken an. Über die eigene Religiosität, über lokale und überregionale Geschichte.“

Zum Wandeltheater selbst, zu dessen Abschluss auch der Schirmherr des Projektes, Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, nach Unterfranken kommt, gesellt sich ein Rahmenprogramm. „Es geht dabei etwa um die Frage: Wie sehen Katholische Evangelische und umgekehrt“, erzählt Kirchhof. Denn beim Einstudieren des Stückes seien „konfessionelle Unterschiede aufgefallen, die man selbst so gar nicht präsent hat“. Sie erinnert sich an eine Szene, in der Exulanten am Tisch sitzen und beten sollen. „Wir mussten den Katholiken erst einmal erklären, dass Evangelische so nie beten würden“, sagt sie und lacht.

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)