Reformationsjubiläum in Bayern
Wider die Eventisierung von Luther

Veranstaltungsreihe im ebw Bayreuth / Bad Berneck / Pegnitz e.V. vom 08.03. – 13.07.2017

Im Jubiläumsjahr 2017 stand Luther im Zentrum, nicht nur der Evangelischen Erwachsenenbildung. Doch (zu) selten wird dem historischen Luther das Wort erteilt. Deshalb kam Dr. Martinus bei uns im Rahmen einer szenischen Lesung mit Luise Wunderlich zu Wort – gleich in drei Kirchengemeinden, allerdings in unterschiedlichen Dekanatsbezirken, damit die Menschen (Adressaten: vor allem Klientel der Kirchengemeinden) die Chance hatten, den wortgewaltigen und wirkmächtigen Reformator quasi im „Originalton“ zu hören. Die Rezitation der Luthertexte „Das Maul immer weiter auftun“ führte uns nach St. Johannis (Dekanatsbezirk Bayreuth), Himmelkron (Dekanatsbezirk Bad Berneck) und Bronn (Dekanatsbezirk Pegnitz). Das Konzept war in St. Johannis und Himmelkron relativ erfolgreich, in Bronn fand leider eine säkulare Parallelveranstaltung statt, die den geringen Besuch erklärt.

Die Verbindung von Rezitation und Percussion konnte überzeugen. Die Hörerinnen und Hörer kamen in den Genuss einer Art „Zeitreise“ und hörten – instrumental untermalt – zentrale Luthertexte in dem ihm eigenen Duktus. So gelang eine Annäherung an Luthers Entwicklung vom Mönch in Erfurt bis zum wortgewaltigen Reformator.

In ökumenischer Verbundenheit mit der katholischen Erwachsenenbildung widmeten wir uns im Rahmen der Stadtakademiearbeit dem historischen Anlass schlechthin für Luthers Thesen von 1517: Unser Referent Prof. Dr. Hamm suchte einen neuen Zugang zum spätmittelalterlichen Ablasswesen, in dem er das Verhältnis von Ablass und Reformation nicht nur in der gewohnten Weise als Konfrontationsgeschichte beschreibt, sondern vor allem auch als einen erstaunlichen historischen Zusammenhang tiefgehender Gemeinsamkeiten versteht. Erstaunlich sind diese Kohärenzen deshalb, weil sie das übliche Bild von Ablass und Reformation grundlegend revidieren. Zweifellos war der Vortrag von Prof. Hamm der qualitative Höhepunkt der Veranstaltungsreihe, weil er durch seine Forschungen einen neuen ökumenischen Dialog an einem zentralen Moment der Reformation eröffnet, der bislang gemeinhin als „Sollbruchstelle“ für die Kirchenspaltung galt.

Die historischen Folgen der Reformation sind immens: der Historiker Dr. Thomas Greif zeigte exemplarisch, wo und wie in Europa Protestantinnen und Protestanten seit 500 Jahren Kultur und Geschichte, Politik und Gesellschaft mitgeformt und geprägt haben. Denn Luther und die Reformation fanden nicht nur in Deutschland statt, sondern prägten das Gesicht Europas mit. Dr. Greif zeigte in einer interessanten Bilderreise verschiedene europäische Orte, in denen man Spuren des Protestantismus heute noch finden kann.

Dr. Frank Piontek, Kulturwissenschaftler und Publizist aus Bayreuth, nahm uns mit auf einen Stadtspaziergang zur Geschichte des Luthertums in Bayreuth. Wir starteten in der Stadtkirche Bayreuth und hörten die Historie zur Einführung der Reformation in Bayreuth. Der Weg führte dann zum Stadtfriedhof Bayreuth, auf dem die Gruft eines echten Luthers besichtigt werden konnte. Dieser Stadtspaziergang erlebte inzwischen einige Wiederholungen, denn die Verbindung der großen Weltgeschichte mit der kleinen Regionalgeschichte schaffte einen besonderen Zugang zum Thema.

Die Veranstaltungsreihe wurde von der Nürnberger Historikerin Nadja Bennewitz eröffnet. Unter sozialgeschichtlicher Perspektive thematisierte sie die Bedeutung der Frauen an der Reformation: Unbestritten ist die Beteiligung von Frauen. Ihre Beteiligung war vielfältig, viele von ihnen nutzten die kirchenpolitische Umbruchsituation, um selbstbestimmt ihre religiösen Überzeugungen zu leben. Vielerorts traten adlige wie bürgerliche Frauen erstmals selbstbewusst für die Reformation in die Öffentlichkeit, mit Bittschriften, in Briefen oder gar mit Flugblättern wie Argula von Grumbach. Erstmals erhielten die bereits verheirateten unter ihnen eine ideologische Aufwertung. Deswegen fanden diese es auch jenseits religiöser Ansichten äußerst spannend, sich für die „neue Lehre“ einzusetzen. Kontrovers diskutiert werden darf heute aber die Frage, was die Reformation den Frauen einbrachte: Individuelle Emanzipation oder Festschreibung auf Ehe und Haushalt?

Dr. Jürgen Wolff