Reformationsjubiläum in Bayern
WACHET RECHT AUFF

Bayreuth, 24.09.2017. Die Zeit ist aus den Fugen. Immer sind die Anderen schuld: die Juden die Hexen die Juden. So ist das eben im 16. Jahrhundert, und so klingt die Zeit auch: als atonales, schroffes Jammergeschrei. Wir sitzen in der Stadtkirche, sitzen also nur in einem Konzert, alles gut – aber plötzlich dringt von hinten, mitten aus den Bankreihen der Gemeinde, ein Choral in unsere Ohren: Hinunter ist der Sonne Schein, die finstre Nacht bricht stark herein. Wir lauschen dem Gesang, der seine evangelischen Gesangbuchstrophen-Strophen über den dumpfen Ostinatoschlägen einer Pauke erhebt. Unversehens gesellt sich ihm der Chor hinzu, den wir gerade auf dem Konzertpodium sehen. Behüte uns, o lieber Gott, der musikalische Schluss könnte stärker nicht sein, weil er weit über ein „Konzert“ hinausgeht, das eine deutliche Trennung zwischen Ausführenden und Hörern vorsieht. Oder: Die Orgel hat gerade ein zehn Minuten langes Interludium gespielt, Schema A – B – A‘, am Anfang das Chaos, in der Mitte eine scheinbar rein musikalisch motivierte Spielerei mit munter durch den Raum schwirrenden Tönen. Doch das, was sie in den letzten Takten anstimmt, ist gewaltiger als alles, was wir in der letzten Stunde gehört haben. Lauter kann die Orgel ihren blockhaften, dissonanten Akkord auch in der Stadtkirche nicht spielen – aber das Stahlgewitter wird unversehens von einem langen, liegenden und leisen Streicherakkord von schönster Ruhe unterbrochen.

Es wäre leicht, noch Dutzende anderer stärkster musikalischer Momente des „Oratoriums zu Luther“ „Wachet recht auff“ in dieser Weise zu beschreiben. Der Komponist Ralf Hoyer und die Librettistin Kerstin Hensel haben ein stark szenisches Oratorium geschaffen, das bei konservativeren Kirchentagsbesuchern möglicherweise Überlegungen über eine wahre Kirchenmusik auslösen könnten. Dass das Oratorium es – Stichwort: Himmel, Arsch und Zwirn, Stichwort: „Sex“ – auch mit weltlichen Inhalten zu tun hat, liegt in der Natur der Gattung begründet, die immer schon zur Oper tendierte. Dieses Luther-Oratorium aber, nicht das einzige der Lutherdekade, überrascht durch musikalische Dignität, mit der das Neuere mit einigen (nicht zu viel) Zitaten des Alten gleichsam reformatorisch verschmolzen wird. Hoyer schrieb sein Werk – ein Gustobrocken für Freunde der Neueren Musik – aus dem Geist einer Moderne, die die Organisation dissonanter Struktur anwendet, sich ihr aber nicht zum Sklaven macht. Wenn die E-Gitarre die Schrecken der Zeit beschrammelt, klingelts grausig in den Ohren – diese Gitarre könnte so in keinem Rockgottesdienst ertönen. Kein Wunder also, dass das Finale des Werks, das Luthers Leben pauschal ausmisst, fast zuletzt eine zärtliche Liebesszene zwischen Katharina und Martin erlaubt und die historischen Fakten und Diskussionen (mit dem Kaiser, mit Erasmus und mit Müntzer) erstaunlich konzis und korrekt zusammenfasst – kein Wunder also, dass das Finale eine einzige offene Frage ist: Wie sieht es aus mit dem Verhältnis von Glaube und Welt, von Gott und Erde, Geistlichem und Weltlichem?

„Wachet recht auff“ ist mit seinem intensiven Einsatz aller musikalischen Mittel, mit dem Gemeindegesang und dem Fernensemble des Posaunenchors auf der Empore, der bisweilen wie vom Himmel gesendet ins Kirchenschiff dringt, mit seinen Schlagzeugkaskaden, den kakophonen Holzblasspäßen des Kaisers, dem herrlichen ersten Interludium mit seinen langen, hohen, ruhigen Streicherlinien und seinem Kontrast, der Foltermusik mit den Kettenschlägen der stets kaputten Zeit, mit einem Wort: mit seinen auch spirituell erfüllten Tonmalereien auf hohem kompositorischem Niveau und nicht zuletzt seinem intellektuell nicht blöden Unterhaltungsniveau ein grandioses Großwerk, das in der Stadtkirche mit der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach unter Aurélien Bello eine erstrangige Aufführung erfuhr – mit den Solisten, allen voran dem Sprecher Christian Steyer, dem Organisten Tobias Scheetz, dem Mezzo Sarah van der Kamp, dem Sopran Mi-Seo Kim (toll, was und wie ein „einfaches“ Chormitglied des „Provinz“-Theaters Görlitz zu singen imstande ist), dem Tenor Johannes Grau und dem Luther des Robert Elibay-Hartog. Nicht zuletzt aber der „Gemeindechor“ der Bayreuther Kantorei und des Posaunenensembles der Stadtkirche unter Michael Dorn, die sich die gewiss nicht einfache Partitur zu eigen machten.

Die Zeit ist aus den Fugen? Ja – aber mit dieser Gemeinde in Bankreihe 7 klingt sie zutiefst bewegend