Reformationsjubiläum in Bayern
Von Wittenberg nach Bayern, von Bayern in die ganze Welt

Öffentliche Vorlesungsreihe zum Reformationsgedenken im Sommersemester 2017

Das Jahr 2017 ist reich an Veranstaltungen gewesen, die teils an die Wittenberger Reformation, teils an deren Weiterwirken und Gegenwartsbedeutung erinnern sollten. Die vom Institut für Evangelische Theologie der Universität Regensburg und dem Evangelischen Bildungswerk Regensburg gemeinsam veranstaltete Ringvorlesung im Sommersemester 2017 wollte beide Anliegen mit einer bayerischen Perspektive verbinden. Die Reihenfolge der Vorträge mußte auf Terminverpflichtungen der Referenten Rücksicht nehmen und konnte deswegen den thematischen Spannungsbogen nur bedingt abbilden.

Der thematische Bogen der Veranstaltungsreihe setzte mit der Reformation als Geschehenszusammenhang im 16. Jahrhundert ein. Unter Absehung von den (wahrhaftig ausreichend dargestellten…) Wittenberger Ereignissen selbst, ist das historische Reformationsgeschehen zunächst im Licht seiner Vorgeschichte bei Jan Hus (J. Lášek), dann am Beispiel der Reichsstadt Nürnberg (R. Keller) und schließlich im Spiegel der altgläubiger Gegenpositionen (K. Unterburger über Luthers Gegner Eck) beleuchtet worden. Ergänzend gab es einen kunstgeschichtlichen Vortrag über bildnerische Umsetzungen des theologischen Motivzusammenhangs Natur und Gnade, insb. in der Cranach-Schule (H.-Chr. Dittscheid).

Andere Vorträge beschäftigte sich mit der Wirkungsgeschichte der Reformation. In diesem Rahmen hat zunächst N. Bolz über die neuzeitliche Rezeptionsgeschichte Luthers gesprochen und Luther als frühen Vertreter eines protestantischen Individualismus gedeutet. M. Hinz hat in seinen Überlegungen zu Mme de Staëls Italienroman Corinne die protestantische Auseinandersetzung mit dem römischen Katholizismus als wesentlichen Aspekt einer spezifisch-romantischen Ästhetik (die eher mit der katholischen Seite in Verbindung gebracht worden ist) herausgestellt. A. Stempel-de Fallois ist auf Wilhelm Löhe als spezifisch lutherischen Vertreter des (von seiner Herkunft her eher unionistischen) Gedankens der Inneren Mission  eingegangen. Th. Kothmann und M. Heesch haben mit Vorträgen zur Entwicklung der Katechetik in Bayern bzw. über W. Elert als abschließende Gestalt des Erlanger Luthertums theologiegeschichtliche Wirkungen und Deutungen der Wittenberger Reformation in Bayern zur Geltung gebracht.

Schließlich ging es um Aspekte der Gegenwartsbedeutung der Wittenberger Reformation: Hier wäre nochmals auf den Vortrag von N. Bolz zurückzukommen: In einem gegenüber (auch kirchlicher) Bevormundung resistenten protestantischen Individualismus kann man heute (wie letztlich zu jeder Zeit) das Erbe der Reformation lebenspraktisch umsetzen. Das in der Besinnung auf die Reformation wirksam werdende Erbe des Heraustretens aus Bevormundung hat im zwanzigsten Jahrhundert zur Gleichberechtigung der Frau im kirchlichen Amt geführt, wie B. Mayer-Schärtel, die entsprechenden Entwicklungen der Jahrzehnte seit dem Ende des ersten Weltkrieges zusammenfassend, herausgearbeitet hat. In den USA hat sich unter den Bedingungen der dortigen (in unserem Sinne) freikirchlichen Kirchen- und Gemeindeverfassung ein eigener Typus lutherischer Kirchlichkeit entwickelt: Die Gemeinden sind in relativ hohem Maße eigenständig und selbstverwaltet. Die administrativen Aufgaben liegen in der Hand von Laien, die Geistlichen widmen sich ganz ihren pastoralen Aufgaben. Dabei werden sie von Laien unterstützt, die etwa in der Besuchsarbeit aktiv sind. Ein eigener Typus lutherischer Gemeinden ist auch in den asiatisch-pazifischen Missionskirchen entstanden. Die weltweite Entwicklung des Luthertums ist vielgestaltig und offen (T. Farnbacher).

Die Veranstaltungen fanden im Bonhoeffersaal des Alumneums, Regensburg, statt. Die jeweils von 25 bis 50 Personen (davon ca. 10 Studierende) besuchten Veranstaltungen beinhalteten einen etwa 45minütigen Vortrag mit anschließender Aussprache. Im Anschluß an alle Vorträge gab es rege Diskussionen mit vielen Beiträgen aus dem Kreis der Hörerinnen und Hörer.

Prof. Dr. Matthias Heesch
Foto: Universität Regensburg, Referat II/2, Fotografin: Michaela Schmid