Reformationsjubiläum in Bayern
„Trotzdem“
Memmingen 03. Juli 2017

An diesem Tag wurde den Memmingern viel geboten: „Martin trifft Martin“ – ein Vormittagsprogramm für 450 Schüler,  verschiedene Angebote zum Ausprobieren und Entdecken, Tee trinken mit Katharina Luther und dann der Höhepunkt des Tages: der Auftritt des Kabarettisten Christian Springer. Dekan Schieder, Mitveranstalter dieses Tages, erinnerte bei der Ankündigung an die legendären Tischreden Martin Luthers, „an dessen Tisch schnell einmal 40 bis 50 Leute saßen“. Manches Luther-Wort wurde zum bis heute gültigen Sprichwort: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Damit auch die heutigen Gäste in den Genuss scharfsinniger und gesellschaftskritischer Reden kommen, hatte das Dekanat den Kabarettisten eingeladen.

Wie Luther damals nahm auch Springer heute kein Blatt vor den Mund. Anders als Luther blies er allerdings den Vertretern der hohen Politik gehörig den Marsch. Die Welt ist schlimm. Aber die Antwort Springers darauf lautet „Trotzdem“, das heißt für ihn: weitermachen, nicht aufgeben und sich nicht den Schneid abkaufen lassen.

Leichtfüßig, aber vor erkennbar tiefernstem Hintergrund servierte er skurrile – bei näherer Betrachtung leider eins zu eins aus dem Leben gegriffene – Kabarett-Geschichten. Im echten Leben hat Springer seine Leidenschaft zur Mission gemacht und versucht, den Flüchtlingen in Nahen Osten mithilfe seines gemeinnützigen Vereins „Orienthelfer“ ein erträglicheres Leben zu ermöglichen.

Dazu kam der ehemalige Arabistik-Student mit Abschluss an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität nahezu zwangsläufig. Seit bald 25 Jahren bereist Springer regelmäßig Syrien und den Libanon, er kennt die Menschen dort. Und er weiß – „anders als unsere Politiker zuhasue“ -, dass diese gerne vom begehrtesten Land der Welt, Deutschland, reden. „Aber leben wollen sie daheim“; die Flüchtlinge verwiesen uns eher darauf, dass man auch Deutschland nach 1945 erst einmal wieder habe aufbauen müssen, sagte Springer. Und so war sein großes Thema in „Luthers Biergarten“ die Flüchtlingsintegration bzw. die bizarre Debatte um die deutsche „Leitkultur“.

„Man ist ein Depp der Geschichte, wenn man sich nicht auskennt“, schimpft Springer speziell auf die bayerischen Politiker. Denn vieles, was wir als Nationalgut wähnen, sei gar nicht deutschen Ursprungs. Das beginnt schon bei der Deutschen Nationalhymne, deren Melodie einem kroatischen Volkslied entliehen ist. Und, klärt der Bayerische Kabarettpreisträger auf, die bayrische Kultur ist gar nicht so bayerisch: Die Bierzelte sind türkischen Ursprungs, die bayerische Volksmusik kommt aus Arabien, das Festspielhaus in Bayreuth hat ein osmanischer Sultan bezahlt und die Oberammergauer Passionsspiele werden von einem Türken geleitet.

Anstatt mit Söder zu beraten: „Was können wir gegen die Asylanten tun“, sollte es also eher heißen „Seid’s a bisserl nett, Verwandtschaft kommt!“, schließt Christian Springer unter großem Applaus.

© Sabrina Schade, Memmingen