Reformationsjubiläum in Bayern
Tagung der Knorr von Rosenroth-Gesellschaft

Sulzbach-Rosenberg, 01.07.2017. Die Christian-Knorr-von-Rosenroth-Gesellschaft befasst sich in jährlichen Tagungen mit kulturgeschichtlichen Fragestellungen im Umkreis und mit Bezug zum Wirken des ehemaligen Kanzlers am Hof des Pfalzgrafen von Sulzbach. Dessen Herrschaftsgebiet war seit der Einführung des Simultaneums 1652 geprägt von einem durch die Obrigkeit erzwungenen Nebeneinander der Konfessionen. Der Gedanke des Simultaneums selbst war aus der Einsicht erwachsen, dass in Glaubensdingen das Gewissen des Einzelnen entscheidend sein müsse, niemand also zu einem Bekenntnis gezwungen werden dürfe. Das Reformationsjubiläum war deshalb willkommener Anlass, in einer wissenschaftlichen Tagung unter Beteiligung der Vertreter der verschiedensten Fächer dem „Ringen um den rechten Glauben“ 150 Jahre nach der Reformation und nach der furchtbaren Erfahrung des 30-jährigen Krieges nachzugehen.

Christian Wiesner von der Katholischen Privatuniversität Linz befasste sich mit der Reformsteuerung in der katholischen Kirche durch die Konzilskongregation, die Missstände im Klerus abstellen sollte. Er zeigte, wie der Vatikan zahlreiche Regeln zur Kontrolle der Kirche im deutschen Reich einführte, dabei aber nur teilweise erfolgreich waren. Ein wichtiger Punkt war dabei die Residenzpflicht für die Bischöfe, die ihrer adligen Herkunft wegen die Bistümer häufiger als einträgliche Pfründe denn als Amt ansahen und sich gerne durch Weihbischöfe vertreten ließen.

Gestützt auf Archivunterlagen aus dem Bistum Regensburg zeigte die Leiterin des Bischöflichen Archivs, Camilla Weber, wie versucht wurde, die ‚richtige Lehre‘ vor Ort sicher zu stellen. Aktenkundig wurde etwa die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder nicht immer in die ‚richtige‘, d.h. die Schule der eigenen Konfession schickten. Da es auch damals schon konfessionsverschiedene Ehen gab, war diese Frage auch nicht immer ganz einfach zu entscheiden.

Wolfgang E.J. Weber vom Augsburger Institut für Europäische Kulturgeschichte zeigte an Schriften lutherischer Pfarrer deren Amtsverständnis auf. Neben der Besonderheit, dass aus den Pfarrersfamilien häufig der theologische Nachwuchs der folgenden Generation hervorging, spielte hier vor allem das Vorbild des Reformators Martin Luther eine große Rolle. Einerseits war damit ein gewisses Selbstbewusstsein, das sich aus der Berufung zum Amt speiste, gefordert. Andererseits sollte gerade vom Pfarrer einer Gemeinde das Muster eines friedfertigen, christlichen Lebens ausgehen. Das war angesichts doch immer wieder auflebender theologischer Kontroversen nicht immer leicht. Gerade im Sulzbacher Simultaneum waren die Wiederbelebung der Annen-Wallfahrt vor Ort und vor allem die Ausstattung der gemeinsam genutzten Kirche mit einem Altarbild, das klare theologische Positionen vermittelte, auch eine Provokation. Die Leiterin der Regensburger Museen, die Kunsthistorikerin Doris Gerstl, zeigte das am durch die Familie Asam geschaffene Altarbild in der Sulzbacher Stadtpfarrkirche, auf dem die nur in apokryphen Schriften überlieferte Himmelfahrt Marias dargestellt wurde. Die dadurch betonte Marienverehrung, die dem Auftraggeber Pfalzgraf Theodor Eustach eine Herzensangelegenheit war, musste für die Protestanten, die ebenfalls diese Kirche benützten, als Provokation wahrgenommen werden. Das Altarbild wurde folglich auch während der evangelischen Gottesdienste in der Kirche mit geeigneten Mitteln verdeckt.

Muten solche Auseinandersetzungen aus heutiger Sicht manchmal schon fast kindisch an, darf man nicht übersehen, dass die Frage nach dem richtigen Glauben den einzelnen Menschen im Innersten bewegte. Konversionen von einer zur anderen Konfession waren nicht selten und erfolgten nicht immer, wie gerne mit Blick auf einzelne, prominente Beispiele behauptet wird, aus politischem Kalkül heraus. Die Romanistin Béatrice Jakobs von der Universität Kiel befasste sich mit französischen und deutschen Schriften, in denen Gläubige ihre Konversion den Mitmenschen gegenüber zu begründen versuchten. Mit diesen Konversionschriften, die im theologischen Schrifttum der Zeit eine eigene Gattung ausbildeten, war auch der Gedanke der Mission verbunden.

Ernst Rohmer, der als Mitglied des Vorstands der Rosenroth-Gesellschaft die Tagung organisiert hatte, befasste sich in seinem Beitrag mit den Gesangbüchern der Zeit. Sie waren in der Mitte des 17. Jahrhunderts zunächst vor allem noch für die private Andacht bestimmt und wurden von Verlegern und Buchhändlern verantwortet. Zunehmend beteiligten sich aber vor allem protestantische Theologen an der Auswahl der Lieder, die nun auf ihre theologische Aussage hin überprüft wurden. An Beispielen Nürnberger Gesangbücher zeigte er auf, wie innerhalb der Lutheraner um den rechten Glauben gerungen wurde: Anhänger Melanchthons, die Philippisten, standen orthodoxen Lutheranern gegenüber, aber auch Einflüsse der anglikanischen Kirche und der Böhmischen Brüder spielen eine Rolle. Am Ende des Jahrhunderts werden Gesangbücher zunehmend von einem buchhändlerischen Projekt zu einer Sache der kirchlichen Institutionen, die über Liedauswahl und -anordnung bestimmen und damit deren Rechtgläubigkeit sicherzustellen versuchen.

Einen Ausblick schon hin zur Aufklärung und ins 18. Jahrhundert schließlich lieferte der Regensburger Theologie-Professor Klaus Unterburger, der in der Philosophie Gottfried Wilhelm Leibniz‘ deren theologisches Fundament und das deutlich werdende Ringen um den rechten Glauben im Rahmen einer ökumenischen Verständigung aufzeigte. Dass diese ökumenische Verständigung seit dem Westfälischen Frieden ein durchweg präsentes Thema war, das in zahlreichen Friedensdichtungen der Zeit behandelt wurde, zeigte Franziska Bauer, die an der Herzog August-Bibliothek in Wolfenbüttel entsprechende Schriften auswertet. Und schließlich stellte Rosmarie Zeller von der Universität Basel am Beispiel des Zürcher Pfarrers Jakob Redinger heraus, dass das Ringen um den rechten Glauben ja nicht eine Frage der persönlichen Präferenzen war, denn die durchaus noch lebhafte Naherwartung eines demnächst eintretenden Jüngsten Tages gab den religiösen Überzeugungen eine besondere Bedeutung.

Mit dem Kapitelsaal des Evangelischen Dekanats hatte die Tagung einen sehr angemessenen äußeren Rahmen. Es fanden sich dort immer wieder sowohl von auswärts angereiste Zuhörer aus der Forschung als auch an einzelnen Themen interessierte lokale Besucher ein. Auch der Führung durch Sulzbach-Rosenberg auf den Spuren des Simultaneums, die der Stadtheimatpfleger Markus Lommer anbot, schlossen sich über den engeren Kreis der Tagungsteilnehmer zahlreiche weitere Gäste an.

Die Referate der Tagung werden im Jahrbuch der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft, dem nach seinem bekanntesten Lied betitelten „Morgen-Glantz“ im Jahr 2018 veröffentlicht. Das Jahrbuch wird voraussichtlich ab Juli 2018 im Buchhandel erhältlich sein.

© Ernst Rohmer