Reformationsjubiläum in Bayern
Evangelische Jugend feiert Reformationsjubiläum mit Luther-Spiel und 95 neuen Thesen

Freising, 01. Juli 2017. „Um Himmels Willen!“: Martin Luther stürmt völlig aufgebracht in den Saal und unterbricht die steife, traditionelle Gottesdiensteröffnung. Wütende, vielleicht sogar ein wenig jähzornige,
gewiss aber mitreißende Anklagen, Appelle und Forderungen schallen durch die gut besuchte Kirche. Die überraschten Gottesdienstbesucher sind vielleicht ein wenig erschrocken, aber man kann in ihren Augen den zustimmenden Blick zu Luthers Worten, dem Wunsch nach Veränderung, erkennen.

Freising – Der aufgebrachte Reformator klingt wie einst vor 500 Jahren, doch an diesem 1. Juli schreibt man nicht das Jahr 1517, sondern man befindet sich ein halbes Jahrtausend später mitten in einem Anspiel beim Jugendgottesdienst in der Christi-Himmelfahrts-Kirche in Freising. Im 16. Jahrhundert hätte wohl auch noch nicht Pfarrerin Anna Hertl gemeinsam mit Diakonin Katja Wagner den Gottesdienst gehalten. Denn Frauen hatten damals im Altarraum wenig zu suchen, und das Wort „Jugendgottesdienst“ wäre sicherlich noch eine völlig unvorstellbarer Wortneuschöpfung gewesen. Glücklicherweise hat sich seitdem – auch dank eines Martin Luther – einiges verändert. Aus der protestantischen Bewegung ist eine Kirche entstanden, die näher am Menschen ist.

Pfarrerin Anna Hertl interviewte Luther (Tobias Weißkopf) in einer kurzen Spielsequenz: „Ich wollte schon immer wissen, ob Sie tatsächlich die Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben?“ Luther: Was spielt denn das für eine Rolle? Was wirklich zählt, ist doch die Botschaft! Wenn ich mir euch so anschaue, wäre es Zeit, für ein Update und neue 95 Thesen.“

So sieht das auch die evangelische Jugend in Bayern, die anlässlich des Reformationsjubiläums online neue Thesen sammelte, und nach einem Internet-Voting die Top 95 auflistete. Am vergangenen Samstag fanden im ganzen Freistaat Veranstaltungen statt, darunter auch der Jugendgottesdienst in der Christi-Himmelfahrts-Kirche. Der aufgebrachte Martin Luther forderte in dem Spiel „Hallo Kirche, mach deine Gottesdienste kreativer und spannender!“ Und auch die Mitstreiter von heute erheben in ihren 95 neuen Thesen die Stimme für die „Gleichberechtigung Homosexueller“, drängen auf einen „aktuellen Lehrplan, ein modernes Schulsystem“ und fordern: „Stoppt Tierquälerei!“

Auch wenn es in der Kirche, wie Diakonin Katja Wagner im Anspiel erklärt, nicht nur um Politik, sondern auch spirituelle Dinge gehe, positionieren sich die Jugendlichen mit ihren Thesen hinter Luthers großem Freiheitsmotto. Denn: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, wie Anna Hertl und Martin Luther einvernehmlich feststellen. Und das vereint gesellschaftliche, politische und spirituelle Dinge. Luther: „Als Menschen denken wir: Ich muss mithalten. Ich will so sein, wie die Anderen: gute Noten haben, gut aussehen. Was sollen meine Freunde denken, wie möchte ich in meiner Clique auftreten, was sagt meine Familie?“ Diakonin Katja Wagner: „Aber Gott macht mich doch frei?“

Luther: „Gott macht dich dazu frei, du selbst zu sein.“ Dieser Satz birgt die Botschaft, die der Umdenker und Kirchenkritiker bei seinem „Überraschungsbesuch“ in der Gegenwart an die Gottesdienstbesucher loswerden wollte. Nach einem eindrucksvollen Monolog fordert Luther zum Abschluss: „Geh raus und verändere die Welt. Gott macht dich frei.“
Freiheit und Individualität sind nicht nur Motive der neuen 95 Thesen, sondern auch der Gottesdienstbesucher, die sich im Anschluss an das Anspiel an vier Stationen in der Kirche diesen Themen widmen konnten. Der Höhepunkt aber war die Enthüllung aller neuen 95 Thesen auf einem Banner.

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