Reformationsjubiläum in Bayern
Eine Lichtbrücke
München 27. Oktober 2017

Die lange Luthernacht

Am Abend der Lichtbrücke wurde ich immer wieder gefragt, warum lila und gelb? Es scheint nicht mehr zur Allgemeinbildung zu gehören, dass gelb die Farbe der römisch-katholischen Kirche ist und violett die Farbe der evangelisch-lutherischen Kirche. Im Alltag ist dies z. B. an den Ortseingängen zu sehen, wo Schilder stehen, die die Gottesdienstzeiten ankündigen.

Hier noch eine tiefere Erklärung. Evangelisch: die Farbe Lila Manche Dinge sind so selbstverständlich, dass man sie nicht mehr hinterfragt. Warum zum Beispiel zeigt sich die evangelische Kirche stets in Violett beziehungsweise Lila? Lila ist die Farbe der Vorbereitungszeiten auf die großen Feste der Kirche: In der Passionszeit und im Advent sowie auch am Buß- und Bettag sind die Altäre und Kanzeln in Lila gekleidet. Man verbindet damit die Sehnsucht nach Licht und Leben, vor allem aber Neubesinnung. Und genau dies entspricht dem protestantischen Selbstbewusstsein: Martin Luther hat ja als Reformator, sprich: Erneuerer, vieles an der Kirche seiner Zeit kritisiert, weil er Menschenwille dahinter sah und nicht Gotteswille. Er entdeckte die Bibel neu als normgebende Größe und machte sie durch seine Übersetzung ins Deutsche weithin verfügbar. Auch theologische Laien sollten nämlich nachprüfen können, ob die Kirche den an sie gestellten Ansprüchen gerecht wird.

Und das ist bis heute so: Da die Kirche als Institution immer in der Gefahr steht, ein Eigenleben zu entwickeln und sich an den Zeitgeist zu verlieren, braucht sie die permanente Rückbesinnung auf die Heilige Schrift und eine an ihr ausgerichtete Erneuerung. Die Bibel ist immer der kritische Maßstab schlechthin, an ihr muss sich alles messen, was in der Kirche gesagt und getan wird. Von daher versteht sich die evangelische Kirche als eine, die eigentlich immer reformiert werden muss. Lila bedeutet Erneuerung, Umkehr auf den rechten Weg, Reform – und das ist Programm in der evangelischen Kirche.

Diakon Rainer Fuchs

Bilder: Helmut Schmied