Reformationsjubiläum in Bayern
Eine Frage von Charakter und Wissen

Planegg. Am 31 Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine Thesen. Was weniger bekannt ist: Er erneuerte damit auch die Wirtschaft in Deutschland. Dieser sogar im sogenannten Lutherjahr wenig beachtete Aspekt Lutherischen Wirkens sollte am Donnerstagabend näher beleuchtet werden. Dazu hatte Pfarrer Bernhard Liess zu einem Podiumsgespräch ins Gemeindehaus der Planegger Waldkirche geladen.

Den Anfang machte Pfarrer Roland Pelikan mit einem Impulsreferat über Martin Luthers Einfluss auf die soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Diese gehe, so Pelikan, auf Luthers Schriften zurück. Der Reformator setzte sich für die Freiheit eines jeden Menschen ein. Jeder sollte sich nicht nur privat, sondern auch im Beruf möglichst frei und erfolgreich entfalten können. Luthers Zitat „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“ solle heißen, der Mensch ist zur Arbeit befähigt. Gottes Schöpfung zu „bebauen und zu bewahren“ ist der Sinn menschlichen Arbeitens. Der Familienvater der für seine Familie arbeitet, tut dabei mehr für Gott als ein Mönch, wenn er sonntags die Messe liest. Andererseits kritisiert Luther schon früh den geldgierigen Kapitalismus. In seinem Sermon von Wucher verurteilt er jedes Verhalten, das sich auf Ausbeutung des Nächsten und Profitmaximierung sowie auf Missachtung der Notlage des Anderen gründet. Hatte der Reformator zwar damals die mittelalterliche Zweiklassengesellschaft im Visier, lasse sich dennoch ein roter Faden in die Neuzeit, zu den Gründern der „sozialen Marktwirtschaft“ ziehen, so Pelikan.

Mit dieser deutlichen Interpretation unternehmerischen Handelns im Sinne von Martin Luther hatte Roland Pelikan die Steilvorlage für die nachfolgende Diskussion geliefert. Susanne Betz, Redakteurin des BR, die den Abend moderierte, drückte es so aus: „Nach dieser Einführung haben wir einen weiteren Gesprächspartner hier sitzen“. Sie gab den Spielball weiter an den Verleger Dirk Ippen mit der Frage „Wo haben Sie als evangelischer Unternehmer bewusst anders entschieden, als sie es als Kapitalist getan hätten?“ Ippen verwies zunächst auf die unternehmerischen Eigenschaften Luthers. Er sei neugierig und zudem ein großartiger Propagandist seiner Ideen gewesen. Gerade für die Druckindustrie habe er sehr viel getan. Außerdem habe er sich für offene Märkte und gegen Monopole ausgesprochen. Der Wettbewerb sei immens wichtig für eine funktionierende Wirtschaft. Sein Fazit: „Wer in der Wirtschaft handelt, muss immer verantwortlich handeln. Wer sein eigenes Gewissen prüft, der kann sehr leicht entdecken, ob er etwas machen darf oder nicht. Es ist mehr eine Sache des Charakters als der Religion.“ Auf Betz´ Nachfrage, ob er denn nie mit sich gerungen habe, gab es ein klares „nein“ zur Antwort. Natürlich habe auch er schon Mitarbeiter entlassen müssen, diese Entscheidungen habe er zwar ungern getroffen. Er habe damit aber etwas Größeres retten wollen.

David Schmidt von DGB Bayern hatte da allerdings mehr den Einzelnen im Visier. Auch die Gewerkschaft sei natürlich für Arbeit. Diese solle aber menschengerecht sein. Er sehe die Gefahr, dass durch die Digitalisierung künftig ganze Berufe wegfallen werden. „Wir müssen die Menschen mitnehmen“. Vor allem mit Bildung müsse man ihnen das Rüstzeug für die Zukunft an die Hand geben. „Ich glaube nicht, dass uns durch die Digitalisierung ausgeht“, urteilte dagegen Ippen.

Aber auch die Pfarrer Lysy und Pelikan sahen die Entwicklung kritisch. „Sie können ja lesen, in welchem Tempo Arbeitsplätze wegfallen“, so Pelikan. „Bei Versicherungen, Banken,  etc. werden 30-50% wegfallen.“ Lysy wies auch auf eine neue Form der Überforderung hin: Der Arbeitstag würde zunehmend verdichtet, zwischen Arbeit und Freizeit verschwämmen die Grenzen.

Nach der zweistündigen Diskussion war jedenfalls eines klar: Das Thema evangelisches Unternehmertum bedürfte eigentlich ein ganzen Diskussionzyklus. So blieb für die Zuschauer am Schluss nur die Hoffnung, einige Fragen im Nachgang bei einem Gläschen Wein noch erörtern zu können oder der Hinweis der Referenten auf Literatur zu diesem Thema.

Text: Münchner Merkur

Bild © Petra Discherl

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