Reformationsjubiläum in Bayern
Brasilianisch-deutsche Spurensuche im Lande des Reformators
Schweinfurt 22. Juli bis 04. August 2017

Wunderbare Stadt – „Cidade maravilhosa…“: Das gefühlvoll vorgetragene Themenlied für die Olympiade von 2016 besingt Rio de Janeiro. Es erklingt in der Weltausstellung im Grüngürtel Wittenbergs. Die vier lutherischen Gemeinden Rios sind seit genau 30 Jahren partnerschaftlich verbunden mit dem Dekanat Schweinfurt. Wir sind stolz auf unsere Partner aus der südamerikanischen Millionenmetropole! 19 Gäste sind gekommen. Wir begeben uns mit ihnen auf Luthers Spuren.

Im bayerischen Pavillon in Wittenberg singen sie ihre Lieder und sprechen im Interview über „Lutherisch sein in Brasilien“. Deutsche Aussiedler waren es, die den lutherischen Glauben nach Südamerika mitgebracht haben. Inzwischen hat sich die brasilianische Kirche geöffnet und geht in der Lebensrealität des Landes auf. Interessiert betrachtet die Reisegruppe die Kunstinstallation im bayerischen Garten. 2017 Kanthölzer formen eine überdimensionale Krippe. Blickt man in sie hinein, so erkennt man sich selbst in einem Spiegel. Wir sind Teil der Geschichte Jesu Christi. Die Stäbe markieren gleichzeitig einen Zeitstrahl unserer Kirchengeschichte. Auch für die weltweite Dimension ist Platz: Die Gäste werden eingeladen, markante geschichtliche Punkte ihrer brasilianischen Kirche zu ergänzen, wie etwa das Jahr 1824, als die erste evangelisch – lutherische Gemeinde in Brasilien gegründet wurde.

 

Gemeinsam auf Luthers Spuren

Einige deutsche Teilnehmende und Wochenendbesucher aus dem Dekanat fahren mit. Sie blicken an historischen Orten gemeinsam auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche. Unser brasilianischer Austauschpfarrer, die Partnerschaftsbeauftragte und zwei dem Dekanat verbundene Pfarrerinnen mit brasilianischer Auslandserfahrung begleiten die Gruppe. Auch der Dekan ist phasenweise dabei. Seit mehreren Jahren wurde diese große Unternehmung geplant und mit Hilfe des Partnerschaftszentrums Mission EineWelt konnte nun alles gelingen.

Erstes Ziel war Erfurt, eine fordernde Etappe: Es war kalt. Es hat geregnet. Aber das Programm entfaltet seine Faszination: Johann Sebastian Bach hat in der Michaeliskirche Orgel gespielt. Martin Luther hat dort gepredigt. Wir bestaunen den Kreuzgang im Augustinerkloster und Martins Zelle sowie ein Modell seines Strohsacks, den Katharina aus hygienischen Gründen später verbrannte. Hier hat er sein Mönchsgelübde abgelegt. Der Klostereintritt. Luther wollte damals vor Gott gut dastehen.

 

Wirkungsstätten im Leben des Reformators

Klöster sind gastfreundlich und wirken sozial in die Gesellschaft hinein. Diese Facette des monastischen Daseins erlebt die Gruppe in der ersten Unterkunft in Helfta bei Eisleben. Abends sitzt man zusammen und tauscht sich aus. Die Partner erzählen von den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Brasilien.

Am nächsten Tag geht es wieder zurück in die Vergangenheit: Im „Zentrum Taufe“ in Luthers Taufkirche erhält die Gruppe eine sehr anrührende und meditative Führung. Es wurde deutlich, dass uns die Taufe mit den Menschen in der Vergangenheit und auch mit den Christen weltweit verbindet. Die beiden Museen der Geburts- und Sterbestadt des Reformators werden erkundet. Eisleben war auch Ausgangspunkt für eine Fahrt nach Eisenach. Eine etwas freche Magd aus dem Hause Cotta in Person einer Schauspielerin führt die Gruppe zurück in die Schulzeit Martins und begeistert durch ihren Humor. Luthers Zufluchtsort, die Wartburg, ist in Nebel gehüllt. Besonders beeindruckt sind die Brasilianer in der Ausstellung zum Reformationsjubiläum von den Originalen der Bibelübersetzung, den Ablassbriefen und der Bannandrohungsbulle. Herzstück für Lutherreisende ist die Lutherstube. „Uns kam der Reformator an den Orten seiner Biografie auch als Mensch näher“, stellen die Gäste fest. Berührt hat sie die Sorge Luthers um die Bibel und seine Botschaft von der Gnade und Liebe Gottes, denn die Angst ist ihnen im Alltag ihrer Megacity wohlbekannt.

 

Stationen der Frau Lutherin

In Torgau kommt Luthers Ehefrau in den Blick: Katharina von Bora. Die Erinnerung an sie wird in der „Katharina Luther Stube“ wachgehalten. Auch ihr Grab befindet sich im Städtchen an der Elbe. Katharina wurde schon als Kind ins Kloster gebracht wurde. Für das adelige Kind war es ein Ort des Schutzes und der Bildung. Doch die reformatorischen Gedanken erreichten sie hinter den Klostermauern und ließen den Entschluss zum Austritt reifen. Für uns geht es weiter nach Wittenberg. Eine Stadtführung gibt einen Überblick. Gegen Abend werden wir im Bayerischen Garten erwartet, zum Interview und zur Andacht.

 

Wittenberg – der Ausgangspunkt der Reformation

Am Sonntagmorgen brechen wir zeitig auf. Wir feiern den Gottesdienst in der Schlosskirche mit. Pünktlich sitzen wir an diesem weiteren Sehnsuchtsort für Lutherreisende. Menschen aus unterschiedlichen Ländern sind da. Über uns schwebt ein Engel des Künstlers Ernst Barlach. Unglaublich, was man zum Reformationsjubiläum alles organisiert hat. Danach gibt es den obligatorischen Fototermin für die Gruppe an der Thesentür. Wir besuchen das Schwarze Kloster, in dem Luther studierte und später mit seiner Familie gelebt hat. Ein stattliches Haus, das „Herr Käthe“ bewirtschaftete. Man ahnt noch die Kraft und Inspiration, die vom Esstisch der Familie ausging! Luther hat sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. Er stand zu dem, was er im Evangelium erkannt hatte. Das beeindruckt. Martin und Käthe verließen ihr Kloster, um für eine neue Freiheit einzutreten und allen Menschen den Zugang zum Evangelium zu ermöglichen. Wie ein Fest war das Essen in der alten Canzley mit dem Reformatorenehepaar, dargestellt von Schauspielern. Das mehrgängige Menü begeistert mit typischen Speisen der damaligen Zeit, wie Ente mit Erbsenbrei und Dünnbier. So viel hat sich seit dem Wittenberg des 16. Jahrhunderts verändert! Yadegar Asisi schuf ein imposantes Panorama über die damalige Lebensrealität in vielfältigen animierten Szenen. Große Ereignisse der Reformation und Szenen des alltäglichen Lebens lassen sich im Kunstwerk entdecken und sie zeigen, welchen Einfluss die reformatorische Erkenntnis entfaltete.

 

Der weltweiten Kirche ein Gesicht geben

Nun war wieder Eigenaktivität angesagt: Im Himmelszelt, dem Pavillon des Lutherischen Weltbundes, sind wir mit einem Samba-Workshop angekündigt. „Dass ich in Deutschland Samba lernen werde, hätte ich nie gedacht!“, schmunzelt ein brasilianischer Gast. „Die sind ja auch nicht alle so rhythmussicher!“, stellt eine deutsche Trommlerin fest. Sue Bähring von der Escola Popular Brasileira, einer Bildungseinrichtung der mitteldeutschen evangelischen Kirche, leitet uns an. Ihr Ziel ist es, offene Räume für Gemeinschaft und Engagement zu schaffen, um das Leben in der Gemeinschaft aktiv mitzugestalten, Brücken zwischen Menschen und Kulturen zu bauen sowie unsere Kirche weltoffen und tolerant zu gestalten. Die Sambalehrerin führt in die Rhythmen ein und erarbeitet in zwei Durchgängen tonkräftige und ansprechend klingende Sambavorführungen. Das erregt Aufmerksamkeit in der riesengroßen, nicht immer so dicht besuchten Weltausstellung. Musik verbindet. Musik überwindet sprachliche Barrieren. Musik lädt ein zum Zuhören und Mitmachen. Eine Andacht beschließt den Einsatz.

 

Die Begegnung wirkt hinein ins Dekanat und die Partnergemeinden

Erfüllt kehren wir in unser Dekanat zurück. Gastgeber beherbergen die Gruppe. Sie werden hineingenommen in die Erlebnisse. Kirchengemeinden beteiligen sich am Rahmenprogramm. Bei einem Gemeindeabend wird die Geschichte von Chiara und Franz von Assisi mit der von Martin und Käthe Luther verglichen. Die einen traten ins Kloster ein, um soziale Veränderungen zu erreichen. Die anderen traten ein halbes Jahrhundert später dem Kloster aus und hatten ein ähnliches Ziel. Diese Überlegungen intonieren das Thema für unsere Lutherreise. Ein Dekanatsempfang lädt zum Kennenlernen der Gäste ein. Ein brasilianischer Gottesdienst vermittelt ein Gefühl für unseren weltumspannenden Glauben. Über das partnerschaftliche Sozialprojekt, die Kindertagesstätte Bom Samaritano in Rio de Janeiro mit ihrer wichtigen Arbeit für einhundert Kinder aus der Favela, gibt es neue Informationen.

„Durch diese Lutherreise kamen wir dem Reformator sehr nahe, näher als dies in Brasilien je möglich geworden wäre“, resümierten die Gäste. Wir waren beeindruckt von der Überzeugung, dem Mut und der Entschlossenheit von Luther und seinen Weggefährten. Gut, dass sie nicht aufgegeben haben. Auch Katharina von Bora war eine starke und entschlossene Frau. Dies alles motiviert uns zu Verantwortung in unserem Kontext. Die Beschäftigung mit der Reformation hat uns ermutigt, uns gegen soziale Ungerechtigkeit sowie den Mangel an Frieden und Liebe einzusetzen. Ein differenziertes Bild von Luther ergab sich, bei dem auch seine (temporäre) Judenfeindlichkeit nicht ausgeblendet wurde. Inspirierend war für die Christen in unserem Dekanat, mit welcher Neugier und Begeisterung sich unsere Gäste den Reformationsthemen nährten und sie mitten ins Leben hineinnahmen. „Für mich ist die Brasilienpartnerschaft das wichtigste Ehrenamt im kirchlichen Bereich“, verrät eine langjährige Mitarbeitende. Die Reise war ein besonderer Meilenstein im Reformationsjubiläumsjahr und in unserer Partnerschaftsgeschichte, über den man sich über die sozialen Medien noch lange austauscht.

Text: Renate Käser mit Beiträgen von Christine Drini, Daniela Schmid und Euclésio Rambo

Weitere Informationen und Bilder finden sich auf unserer Dekanatshomepage: https://www.schweinfurt-evangelisch.de/stichworte/brasilienpartnerschaft-2017