Reformationsjubiläum in Bayern
Barock Kantaten zum Reformationsjubiläum

Seit der ersten „Säkularfeier“ der Reformation 1617 in protestantischen deutschen Landen hatten diese jeweils ein spezifisches musikalisches Profil. Die zweite Feier 1717 wurde auf landesherrliche Anordnung  vielerorts mit drei Festtagen ausgiebig begangen (vom Sonntag 31.10. bis 2.11.). Post festum wurde dies mit einer gründlich recherchierten Schrift dokumentarisch aufgearbeitet. Im heutigen Programm sind mit J.S. Bach, dem diesjährigen Jubilar Telemann (250. Todestag) und dem Darmstädter Hofkapellmeister Graupner drei musikalische „Größen“ versammelt, die das Jahr 1717 musikalisch mitgestaltet haben.

Bei Bach ist allerdings gerade 1717 ein weißer Fleck in Sachen Kantatenkomposition. Er stand zwar in Weimarer Diensten, schrieb aber keine Kantaten (mehr), wollte weg nach Köthen als Hofkapell-meister. Der Dissens mit dem Weimarer Fürsten kulminierte in vierwöchigem Arrest ab Anfang November 1717. Dann wurde er sozusagen „in Ungnade“ nach Köthen entlassen.

Nun ist von den Reformationsfeierlichkeiten in Halle, die in einer eigenen umfänglichen Schrift dokumentiert sind, der Text der »Music« zum Festgottesdienst am 31.10. in der Marktkirche überliefert. Dieser weist so deutliche Anlehnung an das Libretto (incl. Besetzungsangaben) von Bachs prächtiger Weihnachtskantate BWV 63 auf, dass davon auszugehen ist, dass am 31.10.1717 in Halle Bachs Musik erklang. Einige Jahre zuvor hatte sich Bach um die Stelle des Marktkirchenorganisten beworben und auf Betreiben des dortigen Hauptpastors Heineccius eine Probekantate aufgeführt. Er wurde gewählt, führte dann aber in Weimar erfolgreich „Bleibeverhandlungen“. Bach hatte also eine »Halle-Connection«. Vielleicht ist schon die mit vier Trompeten und dreifachem Oboenchor einzig-artig opulent besetzte Weihnachtskantate nicht für Weimar, sondern für Halle bestimmt gewesen. Jedenfalls ließ sie sich mit einigen Textänderungen in Eingangschor und Arien geschickt umpolen vom Christfesttag 25.12. auf den Jubel-„Tag“ 31.10. . Sein Gedächtnis soll jetzt „in Metall und Marmorsteine“ eingeätzt, also fest eingeritzt werden. Das zu preisende „Licht“ ist nun das mit Luthers Reformation neu aufgegangene Licht des Evangeliums, das die Finsternis des mittelalterlichen Papsttums überwunden hat. Die Lichtmetaphorik spielt auch in der ebenfalls gedruckten Festpredigt von Heineccius eine zentrale Rolle. Der Schlusschor als „Aria à Tutti“, wieder mit ausgiebigem Trompetteria-Einsatz, musste textlich gar nicht verändert werden. So ist es möglich, die mutmaßliche Reformations-Version der Rahmenchöre und der beiden Duette zu rekonstruieren. Die Rezitative standen im Versmaß ohne Beziehung zu denen der Weihnachtskantate, wurden also zum 31.10.1717 neu komponiert. Heute werden sie von einem Sprecher vorgetragen.

Sollte Bach am Reformationsfesttag 1717 selbst in Halle gewesen sein, könnte seine Inhaftierung am 5.11. eine unmittelbare Reaktion darauf sein. Nachdem er sich zudem wenig zuvor in Dresden herumgetrieben hatte (zum geplatzten Wettstreit mit dem Cembalisten Marchand), könnte es jetzt dem Weimarer Fürsten gereicht haben mit Bachs Eigenmächtigkeiten („Selbstbeurlaubung“) …

Bachs Neujahrskantate BWV 190 von 1724 ist laut eines Textdrucks seines Librettisten Picander bei den (ebenfalls dreitägigen) Feierlichkeiten zum 200-Jahr-Jubiläum der Confessio Augustana im Juni 1730 als Reformations-Festmusik „recycelt“ worden. Diese Musik ist nicht erhalten. Auch hier ist die Rekonstruktion der Arien durch Unterlegung der Reformations-Texte gut möglich. Der Eingangssatz ist als Bibelwort-Vertonung unverändert geblieben. Allerdings fehlt hiervon die Partitur der Erstfassung, da Bach sie für die Neufassung benutzte. Nur die Stimmdubletten der Violinen und des Continuo sind erhalten. M. Suzuki hat für seine Kantaten-Einspielung eine neue Rekonstruktion benutzt, die im Carus-Verlag ediert wurde und – mit einigen Modifikationen – heute erklingt. Da der zweite Satz den Te Deum-Choral mit Rezitativeinschüben verbindet, wurde dieser Satz als einziger nachkomponiert, um den besonderen Effekt zu erhalten. Das Te Deum (in Luthers Übertragung) hat Bach als hymnisches Unisono der Vokalstimmen auch im Eingangssatz eindrucksvoll platziert. Der Schlusschoral, eine der damals wichtigsten Luther-Liedstrophen, in Leipzig am Ende jedes Gottesdienstes gesungen, erscheint auch in der Ratswahlkantate von 1748, BWV 69, in prächtiger Fassung mit Trompetteria (trotz phrygischer Tonart!). Wahrscheinlich hat Bach diese Version schon für die 1730er-Jubelkantate komponiert. Als definitives „Amen“ beschließt dies nun unser Konzert im fünften Reformations-»Jubeljahr« 2017.

Der betörend schöne Eingangssatz aus der Alt-Solokantate BWV 170 fand Eingang in dieses Programm – ohne spezielle inhaltliche Kohärenz, da der Solist – übrigens wohnhaft im thüringischen Stammort der Bache, heute einen persönlichen Wunsch frei hat.)

Vom Jubilar Telemann – 1722/23 erster Kandidat fürs Leipziger Thomaskantorat (!) – ist leider keine Kantate zum 31.10.1717 erhalten. So erklingt mit der Pfingstmontagsmusik ersatzweise eine seiner Frankfurter Kantaten aus dem Jahr 1717. Der Text von Telemanns Haupt-Librettist Erdmann Neumeister repräsentiert lutherische Theologie in Reinform. Am Ende steht als Choral eine Strophe aus Luthers Pfingst-Festgesang. Außer dem Choral musizieren wir diese Kantate in „authentischer“ Vokalbesetzung solistisch. Eine prominente Rolle im Instrumentarium spielt die Blockflöte, solistisch eingesetzt wie in einem Instrumentalkonzert.

Christoph Graupner wäre ebenfalls Bach als Leipziger Thomaskantor vorgezogen worden, wenn sein Fürst Ernst Ludwig ihn hätte ziehen lassen. Sein enorm umfangreiches Kantatenschaffen – über 1400 geistliche Kantaten! – für den Darmstädter Hof, wo er ein halbes Jahrhundert wirkte, ist als Digitalisat im Internet zugänglich. Johanna Schatz (Egloffstein) und Marco Schneider (Erlangen) haben darin die Festkantate zum 31.10.1717 aufgespürt und im Notensatz verfügbar gemacht. Sie erklingt heute wohl zum ersten Mal seither wieder. (Im Oktober ist eine weitere Aufführung in den USA angesetzt.) In Besetzung (2 Soprane wie bei Bachs h-Moll-Messe!) und Ausdehnung übersteigt die Kantate deutlich das Darmstädter Standardmaß, zeigt sich so als „solenne“ Festmusik. Der Librettist ist nicht bekannt. (Der Hofdichter G.Chr. Lehms, von dem auch Bach einiges vertonte – siehe BWV 170,1 -, war leider im Mai 1717 verstorben.)  In Aufnahme von Psalm 100 und in Anlehnung an zahlreiche weitere Bibelstellen wird Gott vollmundig gepriesen für seine Treue darin, dass das Evangelium in Wahrheit erschallt (Dank der Reformation). Dies soll so auch die Zukunft bestimmen (Sätze 6-9). Wie bei „Staatsakt“-Gottesdiensten üblich, wird der Fürst dafür als Gewährsmann namentlich genannt. Am Ende steht die zweite Strophe von Luthers Ein feste Burg in einer besonders „solennen“ Fassung mit Trompetteria.

Zwei weitere, ziemlich bekannte Versionen von Ein feste Burg aus der Feder von J.S. Bach sind als Einzelsätze ins Programm eingestreut, aber nicht in der Originalversion aus BWV 80, sondern in den handschriftlich überlieferten Fassungen von Bachs Sohn Wilhelm Friedemann, der von 1746 bis 1764 an der Marktkirche in Halle wirkte. Den groß angelegten (um 1730 entstandenen) Chor im motettischen alten Stil zur ersten Liedstrophe hat er mit Trompetteria klanglich für Hallenser Festbedürfnisse aufgerüstet, ebenso den zur dritten Liedstrophe mit Unisono-Gesang. Unterlegt wurden (nicht sehr überzeugende) lateinische Textversionen, im zweiten Fall abweichend von der Vorlage zur vierten Liedstrophe. Von den Feierlichkeiten in Halle 1717 ist auch eine lateinisch-sprachige, repräsentative Schulfeier dokumentiert. Offensichtlich nutzte der Bach-Sohn die Musik seines Vaters für einen solchen Festakt. Für die Editoren der ersten Bachausgabe waren 1870 diese Versionen mit Trompetteria  so überzeugend, dass sie ihnen als »echter Bach« den Vorzug gaben.

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