Reformationsjubiläum in Bayern
Bach - Luther - Raum

Teil I

Beide Gottesdienste waren jeweils mit ca. 400 Personen sehr gut besucht und haben sowohl innerhalb der Stadt Nörd­lingen als auch der Kirchengemeinde einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Einige Stim­men wünschten sich öfters derartige Projekte innerhalb der Kirchengemeinde.

Mit den beiden Gottesdiensten verbunden war zugleich eine Pinnwandaktion, die die Mög­lichkeit bot zum Gottesdienst und dessen Kernaussagen Stellung zu beziehen, das Gehörte zu reflektieren und ggf. auch weiter zu führen.

Der erste Gottesdienst zum ersten Advent 27.11.2016 nahm die Kantate „Nun komm der Hei­den Heiland“ BWV 61 und die Bedeutung der Inkarnation für den einzelnen Christen in den Blick. Dass sich Gott in einem kleinen Kind in unsere Welt begeben hat, eröffnet den Christen eine tiefe Verbindung zu Gott. Gott beendet die Trennung von Gott und den Menschen, macht sich den Menschen gleich und erschließt allen Christen gleiche geistliche Würde, macht sie zu Töchter und Söhnen Gottes. Im Gedanken des allgemeinen Priestertums hat diese gleiche geistliche Würde die u.a. Konsequenz gehabt, dass die Kirchen in der Folge der Reformation mit einem Gestühl ausgerüstet wurden, wo nun jeder Christ während des Got­tesdienstes sitzen durfte. Gleichzeitig sollte das Sitzen das beurteilen der Predigt erleichtern – auch ein Amt, das die Gemeinde ihrem Priestertum verdankt.

Bezüge zur Kantate fanden sich vor allem in der Ouvertüre, aber auch in einem Rezitativ. Dass der König der Welt sich ankündigt, hat Bach musikalisch so umgesetzt, dass er den Ein­gangschor als französische Ouvertüre gestaltet hat. Während dieses Musikstücks der Franzö­sischen Oper betrat der König gewöhnlich seine Loge. Dass der Christ keine Vermittlungsar­beit mehr benötigt sondern dank seines Priestertums die Stimme Christi selbst vernehmen kann, ließ sich als im Bassrezitativ der Kantate BWV 61 als musikalisch gestaltete Dogmatik interpretieren, in dem der Bass – bei Oratorien stets die Stimme Christi- eine Wort Jesu singt.

Die Pinnwand lud nun unter dem Motto „Danken und Loben, Verkündigen und Verändern“ dazu ein, Veränderungsvorschläge an die Kirchengemeinde Nördlingen oder an Kirche allge­mein zu hinter lassen. Leider wurde diese Möglichkeit nicht in Anspruch genommen.

Thema des zweiten Gottesdienstes am 26.12.2016 um 10.00 Uhr waren die Gegensätze, die sich sowohl im Lied Martin Luthers „Gelobt seist Du Jesu Christ“, als auch in der gleichnami­gen Kantate Johann Sebastian Bachs BWV 91 finden, sowie im Sakramentshaus finden, z.B. das „Ewig Gut“ kommt in „unser armes Fleisch und Blut“. Durchgängig (mit Ausnahme von Strophe 4) setzt Luther solche und ähnliche Gegensätze gegeneinander. Bach nimmt dies in seiner Komposition auf und setzt diese Gegensätze musikalisch um. Der Gegensatz von Himmlischen und Irdischen wurde im Sakramentshaus der Kirche St. Georg in Stein gemei­ßelt, indem der Fuß des Sakramentshauses unser menschliches Leben darstellt, der Helm da­gegen die himmlische Welt in Szene setzt. Verbunden werden die Gegensätze in Jesus Chris­tus. Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Das Sakramentshaus setzt daher in die Mitte, zwischen himmlischer und irdischer Welt, den Korb, in dem Hostien aufbewahrt werden konnten, die nicht gebraucht wurden. In der Mitte des Liedes „Gelobet seist Du Jesu Christ“ findet sich die vierte Strophe, jeweils gerahmt von drei Strophen. Die vierte Strophe bringt die Wende für den Glaubenden, da das „ewig Licht“ die Welt in einem neuen Glanz erschei­nen lässt und uns zu Kindern des Lichts macht.

Unter dem Motto „Der unfassbare Gott macht sich für mich fassbar in …“ waren Kirchenbe­sucher eingeladen darzulegen, wo für sie himmlisches und irdisches sich berühren. Diese Möglichkeit wurde stärker wahrgenommen, als beim letzten Gottesdienst am ersten Advent und so wurden insgesamt sieben Zettel in ca. zwei Wochen angepinnt (siehe dazu Dokumen­tationsmaterial), die ganz unterschiedliche Perspektiven einnahmen.