Reformationsjubiläum in Bayern
Lutherbock und Papstesel
Gerolzhofen 22. April bis 05. Juni 2017
Kirchgasse 6
97447 Gerolzhofen
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Am 31. Oktober 1517 nagelte der Augustinermönch und Wittenberger Professor Dr. Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen gegen die damalige Ablasspraxis der katholischen Kirche an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg – so erzählt es die Überlieferung.

Unabhängig von der historischen Realität dieses Ereignisses lösten Luthers Kritikpunkte hitzige Debatten unter Regierenden und Gelehrten aus. Was ursprünglich als Diskussionsgrundlage für Akademiker geplant war, spaltete im Laufe der Zeit auch die gesamte Bevölkerung in zwei Lager: Katholiken und Lutheraner, die alte und die neue Kirche, „(…) die ware[…] Religion Christi, und falsche[…] Abgöttische[…] lehr des Antichrists (…)“. Schon dieses letzte Zitat macht deutlich, dass es sich dabei in keiner Weise um einen friedlichen Prozess auf Basis sachlicher Argumente handelte. Ganz im Gegenteil. Bald wurde auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln heftig gestritten.

Zu den beliebtesten „Waffen“ der Zeit zählten illustrierte Bücher, vor allem aber in Form von Flugblättern publizierte Darstellungen, aus denen auch das bereits erwähnte Zitat stammt. Es dient als Überschrift eines Holzschnitts von der Hand Lucas Cranachs d. J. (1515-1586) aus der Zeit um 1545, der in vielfigurigen Bildern den Unterschied zwischen der alten (katholischen) und neuen (evangelischen) Kirche aus Sicht der Lutheraner schildert. Mit der Erfindung des Buchdrucks war es ab 1450 möglich geworden, Bilder und Texte in großer Zahl herzustellen und zu verbreiten. So wurden gerade einprägsame Darstellungen zu einem bevorzugten Mittel, den jeweils eigenen Standpunkt im wahrsten Sinne des Wortes unter das – meist leseunkundige – Volk zu bringen. Ob Mönchskalb oder Papstesel, ob Luther als Sackpfeife des Teufels oder der Papst als Antichrist, ob beide als siebenköpfiges Untier, die Bildsatiren der Reformationszeit kannten kein Tabu. Mit Persönlichkeiten wie Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553) und seinem gleichnamigen Sohn lieferten dabei zum Teil bedeutende Künstler ihrer Zeit die Vorlagen dazu, was die Bilder nicht nur inhaltlich, sondern oft auch künstlerisch bemerkenswert macht.

Vom 22. April bis zum 5. Juni dieses Jahres bietet die Ausstellung im Museum Johanniskapelle in Gerolzhofen Gelegenheit, im zeitgenössischen Ambiente den Streit zwischen den Konfessionen in seiner bildlichen Form zu erleben. Fünf Bildpaare sowie sechs Einzeldarstellungen von historischen Einblattholzschnitten vermitteln einen lebendigen Eindruck von der Geisteswelt in Deutschland zur Zeit der Reformation. So machen die meist drastischen Darstellungen gerade in der Gegenüberstellung mehr als deutlich, wie unversöhnlich sich die beiden verfeindeten Lager von Katholiken und Lutheranern gegenüberstanden. Damit stehen die Bilder auf diese Weise auch stellvertretend für die geschichtliche Entwicklung der nachreformatorischen Zeit, deren Spannungen in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen gipfelten. Erst nach Ende des 30jährigen Krieges (1618-1648) konnte mit dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück 1648 die Basis für ein Mit- und Nebeneinander von katholischen und evangelischen Christen geschaffen werden.

Während die Unterschiede zwischen den Konfessionen – zumindest in Deutschland – heute kaum noch für größere Kontroversen sorgen, ist das Thema religiös motivierter Satiren gegenwärtig aktueller denn je. Nicht nur die Auseinandersetzungen um die Karikaturen des Propheten Mohammed zeigen, welches Konfliktpotenzial solche Darstellung noch immer bergen. Ungeachtet der religiösen Orientierung oder kirchlichen Bindung können uns Bildsatiren – auch die scheinbar lediglich historischen Zeugnisse der Reformationszeit – also immer wieder dazu anregen, einmal über unsere eigenen religiösen Gefühle nachzudenken, festgefahrene Standpunkte neu zu beleuchten oder einfach nur über „Gott und die Welt“ miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Begleitheft zur Ausstellung bietet die Möglichkeit diese „Denkanstöße“ auch für die Zeit nach Ende der Ausstellung mit nach Hause zu nehmen.

Patrick Melber

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